15 Jahre Dingsda-VerlagVon Andert bis Zwerenz Als der ehemalige Rinderzüchter und Pädagoge Joachim Jahns sich im Jahr der Einheit entschloß, den Dingsda-Verlag zu gründen, wußte er wie so viele damalige ostdeutsche Verlagsgründer noch nicht, auf welches Abenteuer er sich einließ. Bald sollte sich dabei auch jene gewisse Sturköpfigkeit, die man dem gebürtigen Querfurter bis heute nachsagt, als Tugend erweisen. Auch ich, seit mehr als zehn Jahren dem Dingsda-Verlag als Autor verbunden, bekam sie immer mal wieder zu spüren, so etwa, als er bei der Recherche über den Probstheidaer Pfarrer Hans-Georg Rausch, Leipzigs sogenannten "letzten Helden", nicht eher locker ließ, als bis es uns gemeinsam gelang, Zeitzeugen wie Nikolaus Krause, den einstigen Theologiestudenten, der seinen Widerstand gegen die Sprengung der Paulinerkirche mit vielmonatiger Gefängnishaft büßte, aufzuspüren und das brisante Buchprojekt zu bewältigen. War es anfangs das im regionalen Verwurzelte, das das Programm des Verlages prägte, gewann zunehmend ein übergreifendes Thema an Dominanz: die Identität der Ostdeutschen, ihre Geschichte und Gegenwart. Zu den ersten Publikationen gehörten "Vergessene Geschichte(n)" von Louise von Francois, Christine Ostrowskis Tagebuch-Aufzeichnungen vom Hungerstreik in Bischofferode sowie die Kampfflieger-Biografie "Absturz ins Leben" von Walter Lehweß-Litzmann. Ein Bestseller, der deutschlandweite Beachtung fand, gelang mit dem Roman "Totschlag" von Erik Neutsch. Ihm folgten Willi Sittes "Herr Mittelmaß 1949-1995" und Bücher von Reinhold Andert, Sahra Wagenknecht, Kurt Zeising und anderen. Es waren vor allem ostdeutsche Autorinnen und Autoren, die so nach dem Zusammenbruch des Verlagswesens der DDR eine neue Chance erhielten. Unter ihnen auch die von ihrer christlichen Herkunft geprägte Anneliese Probst, die die stattliche Reihe ihrer Spätwerke hier herausbrachte, darunter "Mein Wintertagebuch" und "Das lange Gespräch". Namhaften Zuwachs aus dem altbundesdeutschen Westen gab es mit Gerhard Zwerenz: "Das Großelternkind", "Die Antworten des Herrn Z.". Denkwüdig das Streitgespräch zwischen ihm und Hermann Kant ("Unendliche Wende"), das auf Initiative des Verlages anläßlich der Leipziger Buchmesse 1997 zustande kam und in einer vielbeachteten gemeinsamen Lesung anläßlich der Wehrmachtsausstellung in Dresden seine Fortsetzung fand. Annähernd 100 Bücher und bibliophile Kostbarkeiten, darunter geschichtliche Karten und der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, des Mansfelder Landes und des Harzes, brachte Dingsda in den zurückliegenden 15 Jahren heraus. Wie bei anderen kleinen Verlagen liegt die verlegerische Arbeit samt Werbung und Vertrieb in einer Hand, die zermürbenden Alltagsmühen eingeschlossen, den Autoren und ihren Büchern unter immer schwieriger werdenden Marktbedingungen jenes Stück Öffentlichkeit zu gewinnen, dessen sie so dringend bedürfen. Nicht mitgezählt, wie oft Verleger Jahns seinen Bücherstand am Rande von Volksfesten und Kundgebungen aufbaute und wie beharrlich er um Lesungen in Bibliotheken, Buchhandlungen und Kulturvereinen warb. So hat er mit dem Trotz des leidenschaftlichen Büchermachers, manchmal auch mit Sarkasmus und bitterer Selbstironie dem Marktdiktat der Groß-Verlage das Seghersche Wort von der "Kraft der Schwachen" entgegengesetzt. So hat er bis heute durchgehalten. 10 Jahre Dingsda-VerlagDer Querfurter Dingsda-Verlag ist zehn Jahre alt. Sein Name hat in dieser Zeit einen guten Klang gewonnen. Mit dem Verleger Joachim Jahns sprach aus diesem Grund der Autor Rudolf Scholz. Wie kam es eigentlich zu dem doch recht merkwürdigen Verlagsnamen? JAHNS: Er geht auf den Dichter Johannes Schlaf zurück, der einer der Wortführer des deutschen Naturalismus war. Seine Heimatstadt Querfurt nannte er einmal sehr liebevoll „Dingsda“. Johannes Schlaf schrieb u. a. die Bücher „In Dingsda“ und „Neues aus Dingsda“. Und wie kam es zur Gründung des Dingsda-Verlages? JAHNS: Im Jahre 1990, so plante der VEB Brockhaus-Verlag Leipzig seit dem Jahr 1988, sollte in der Reihe „Miniaturen“ mein Buch „Querfurt oder auf der Suche nach Dingsda“ veröffentlicht werden. Aber es konnte wendebedingt nicht mehr erscheinen. So wurde im September 1990 der Dingsda-Verlag in Querfurt gegründet, um als erste Publikation das Buch „Große Querfurter und mit Querfurt verbundene Persönlichkeiten“ herauszugeben. Welche Titel verlegten Sie in den ersten Jahren des Bestehens des Verlages? JAHNS: Es waren vor allem Titel mit regionalem Bezug. Zum Beispiel „Die Sagen der Grafschaft Mansfeld“ und der „Führer durch das Unstruttal von Artern bis Naumburg“ von Professor Größler, „Vergessene Geschichte(n). Aus der Provinz Sachsen und Thüringen“ von Louise von François, vier Bände „Mansfäller Witze“ von Kurt Zeising und der Bestseller „Der Thüringer Königshort. Auf der Suche nach dem Thüringer Königsschatz“ von Reinhold Andert. Gibt es weitere Schwerpunkte im Verlagsprogramm? JAHNS: Ab 1993 erschienen im Dingsda-Verlag auch zeitkritische Sachbücher und Belletristik. So etwa der Wende-Roman „Totschlag“ von Erik Neutsch und das Kunstbuch „Herr Mittelmaß. 1945-1995“ von Willi Sitte. Unter den Büchern der folgenden Jahre befanden sich mehrere Titel von Gerhard Zwerenz , so auch „Die Antworten des Herrn Z.“. Obwohl diese Bücher bereits vor ein paar Jahren herauskamen, haben sie ihre Aktualität nicht eingebüßt. Wie schafften Sie es, den Dingsda-Verlag in all den Jahren über Wasser zu halten? JAHNS: Ich denke, es war dadurch möglich, daß ich auf Qualität und Langzeitwirkung setzte und daß ich bemüht war, nicht auf jeden schnellebigen Trend des Marktes hereinzufallen. Auch die öffentlichen Streitgespräche, die ich zwischen Autoren wie Hermann Kant und Gerhard Zwerenz organisierte und publizierte, dürften dazu beigetragen haben, Öffentlichkeit zu gewinnen. Die jüngste, vom Dingsda-Verlag initiierte Veranstaltung war ein Gespräch zwischen Vera Lengsfeld und Sahra Wagenknecht in der Berliner Kulturbrauerei. Wie soll es weitergehen? Welche Bücher sind demnächst aus dem Dingsda-Verlag zu erwarten? JAHNS: Auch künftig will sich der Verlag um ein breites inhaltliches, vom zeitkritischen Selbstverständnis geprägtes Spektrum bemühen. Zu den nächsten Projekten gehören „Mein Wintertagebuch“ von Anneliese Probst – ein fiktiver Dialog, den die Autorin mit Katharina von Bora führt, sowie als Reprint das Buch „Höhlen, Heiligtümer, Kannibalen“, ein archäologischer Tatsachenbericht aus dem Kyffhäuser von Professor Behm-Blancke. |