Philosoph und Pyramidenbauer
Gerhard Zwerenz

Dieses irrational widerborstige, wo nicht widerständige Büchlein blättert sich nach der Lektüre wieder auf, was einen kleinen Defekt des Einbandes und zugleich seine Gebrauchsanweisung offenbart: Nicht zuschlagen und weglegen! ruft es, gefällt sich in ironischen Oppositionen und schießt plötzlich scharf: »Vor Gott sind alle gleich. Und vor dem Eigentum? Es ist mächtiger als Gott. Aber es ist abschaffbar. Und dann sind auch auf Erden alle gleich.« Wer so etwas schreibt, wird nie ein Günter Grass oder Joachim Fest und verbaut sich jede Erfolgs-Chance. Unser Autor wohnt in der Berliner Friedrichstraße, von wo aus er siegesbewusst wie der Alte Fritz mitteilt. »Branstners Dissertation … haben nacheinander 6 Professoren abgelehnt, 3 mit Änderungsvorschlägen. Branstners Antwort: Ich habe Zeit, ich kann warten, bis ihr euch ändert. Das hat 4 Jahre gedauert. Nochmal 20 Jahre, bis sie gedruckt und 40 Jahre, bis sie wieder gedruckt wurde. Immer unverändert.«

Das ist zeitlose Kontinuität, finde ich. Der Mann setzt sich überall ins Wespennest und sticht zurück. Animiert erkenne ich, das ist kein Wespennest, sondern ein Bienenstock, aus dessen Waben lässt sich Honig schleudern, wie wir Imker wissen. Der Autor regt mich an als hörte ich Ernst Busch singen. Obwohl »Marx, Engels, Lenin kaum einen oder überhaupt keinen Schimmer hatten« von der »Philosophie der Geschichte« und obwohl »weder Goethe noch Brecht einen Schimmer hatten« von der »Philosophie der Kunst«, richtet unser Mann »eine Pyramide aus drei Stufen« auf, in der am Ende Marx, Engels, Lenin, Goethe und Brecht ihr Unterkommen finden, wenn auch anders als die Volkshochschullehrer wollen.

Der Text steckt voller eigenwilliger Details: »Brecht ist nicht zu verstehen, wenn er nicht in seiner Aversion gegen Reinhardt verstanden wird.« - »Die Welttragödie macht die Tür von außen zu. Sie nimmt Abschied von der Welt des Ernstes. Von der poetischen Verelendung des Menschen.« Das zäht zur »5. Internationale der humoristischen Revolution«, wie ich sie der DDR vor 50 Jahren empfahl. Damals leider erfolglos. Das ist wieder hochmodern und wird am Schluß des Buches mit dem Text der Sonny Girls exemplifiziert, einer »Kollagenrevue mit Gesang und Tanz«, die als »Gegenstück« zum Welthit der Sonny boys angepriesen wird. Überhaupt stellt Branstner sich als Gegenautor vor, denn: »Ohne Gegenwelt ist der Mensch kein Mensch.«

Über sein Stück teilt der Verfasser mit, im neuen Theater Halle sei eine erste Fassung skeptisch als Flop erwartet worden, habe jedoch bei der Premiere 27 Vorhänge und sieben Jahre volles Haus gebracht.

Weshalb mir das rundum quergestrickte Schreibwerk so gefällt, hoffe ich noch herauszufinden. Am Autor imponiert mir, er leidet nicht am weitverbreiteten DDR-Niederlagen-Syndrom. Vielleicht, weil er vorher schon das Maul aufriß. Vielleicht weil es seine urthüringische Waldnatur ist und er nun in der urberliner Friedrichstraße residiert, die wir Auswärtigen unwillkürlich mit dem sagenumwobenen Bahnhof Friedrichstraße assoziieren. Von wo aus denn, wenn nicht von hier aus muß die verkommene Welt aus den alten Lumpen geschüttelt werden. Branstner: »In der DDR hatte ich wenigstens eine gute Mundpropaganda … Das hat die Wende weggeblasen. In meiner Bewertung kann man nicht untertreiben. Selbst wenn man sich mit Lob überschlägt, ist das eine Untertreibung.« Ich empfehle diese Selbsthochachtung allen Ostkreativen, die vom Mainstream fortgewedelt werden sollen. Laßt euch von den machthabenden Politkulturzwergen nicht zu ihresgleichen Gammelfleisch verwursten. Die Zeit der großen Utopien sei vorbei? Branstner: »Das Gegenteil ist richtig. Der Zusammenbruch ist die größte Herausforderung, die produktivste Erfahrung, die beste Bedingung für neue, weiterreichende Utopien … Die ganze Welt wird umgekrempelt.« Das klingt schwungvoll und sympathisch. Fragt sich nur, wer wen umkrempelt. Ausgenommen eine Handvoll Clowns, die toleriert werden, solange sie die Macht und ihr heiliges Eigentum nicht stören. Ausgeschlossen durch die führenden Medien treibt eine besiegte Klasse von Intellektuellen dahin und probiert ihre Überlebenskünste aus. Branstners Botschaft ist Flaschenpost. Er warf früher schon allerhand Botschaften in die Spree. Jetzt steht er am Ufer der Pleiße und will sich noch viermal als Flaschenpostillion betätigen. Der Mann hat die Nerven zum permanenten Witz des Underdogs.

Gerhard Branstner: Die Pyramide, Dingsda-Verlag, Leipzig 2006, 14,90 €, ISBN 3-928498-554-X

 

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