Die Aktualität des Dialektikers
Erik Neutschs "Totschlag": Ein Roman, heute so aktuell wie beim Erscheinen

Vor zwölf Jahren erschien Erik Neutschs Roman "Totschlag". Mit genauer Kenntnis und zupackender Gradlinigkeit erzählt er vom Schicksal eines ostdeutschen Hausbesitzers, dessen Lebenswerk zerstört wird: Mit 56 war er zu alt für die Arbeit und wurde zum "alten Eisen" geworfen, gleichzeitig sollte er Grund und Boden seines Hauses als Eigentum zu neuen Konditionen teuer erwerben. Zwölf Jahre später ist der Roman noch aktueller als damals; das Leben im Osten ist zerstört. Neutsch hatte 1994 die Gründe und Methoden dafür am einzelnen Schicksal beschrieben, heute sind die fünf Bundesländer betroffen.

Es ist über vierzig Jahre her , als Erik Neutsch mit dem Roman "Spur der Steine" seinen ersten großen Erfolg hatte. In der Beziehung des tüchtigen, aber schwer zu zügelnden Arbeiters Balla und des widerspruchsvollen Horrath, der als Parteisekretär nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch die private Entscheidung verlangte, lag eine Spannung zwischen einem individuellen Glückssucher und einem sein persönliches Glück mißachtenden Funktionär. Daß diese Beziehung letztlich zusmmenbrach - "Das Leben in Schkona fand zu seiner Ordnung zurück"- und die auch im Sozialismus eintretende Entfremdung negiert wurde, lag nicht zuletzt daran, dass die Spannungen zwischem Gesellschaftlichem und Individuellem, Planmäßigkeit und Spontanität nicht erwünscht waren. Daß es der verfilmte Roman schwer hatte und Kampagnen gegen ihn gestartet wurden, ging auf die Unfähigkeit der Parteiführung zurück, diese Spannungen zu nutzen.

Als 1989 die Ansätze einer neuen Gesellschaft zerstört wurden, traf das Erik Neutsch sehr. Es war auch Erik Neutschs Gesellschaftsentwurf gescheitert, an den er fest geglaubt und den er in großen Romanen wie "Auf der Suche nach Gatt" (1973) beschrieben hatte. Anstatt zu resignieren, schrieb er den Roman "Totschlag" und leistete für die sozialen Verhältnisse der Nachwendezeit das, was er mit "Spur der Steine" für die sozialistische Zukunft bieten wollte. Der Roman ist eine Analyse des "Wandels der sozialistischen Verhältnisse in den neuen Bundesländern", der Konterrevolution. Wandel bedeutet, neben den nun ständig vefügbaren Bananen, von denen nur die Schale blieb, wie die Ammendorfer Waggonbauer auf ihren Demonstrationen plakatierten, Verbrechen, "Raubüberfälle auf Sparkassen, Vergewaltigungen ... Wirtschaftsdlikte größeren Ausmaßes" u.a. Der parteilose Arbeiter Manfred Gütlein, anfangs der Wende nicht abgeneigt, erschießt 1991 den Finanzdezernenten Dr. Anselm Rothenburger in einer Stadtverodnetenversammlung. Gütlein, "gelernter Schlosser, doch seit langem bereits als Meister in der Maschinenfabrik am Orte tätig", ist eine Art Balla, ein Selbsthelfer allemal, in den Augen des westdeutschen Kriminalhauptkommissars ein "armes Würstchen, reinster DDR-Durchschnitt". Aber Gütlein war als Arbeiter "ständig vornean", ausgezeichnet, bei Neuerungen immer dabei. Sein Leben verlief "geradlinig", ein Höhepunkt war das Einfamilienhaus. Neutsch beschreibt das Leben in einer Siedlung, deren Normalität, in der es auch Schwierigkeiten, einen Selbstmord und Streit gab, durch neue alte Besitzverhältnisse nach 1989 entscheidend verändert wurde. Als jegliches Rechtsverständnis schwindet und die Einfamilienhäuser bedroht sind, greift Gütlein aus Ohnmacht zur Waffe: Wo Recht und Unrecht austauschbar sind, wird Gütlein jede Handlung möglich. Gütleins spontaner Tat, als Auftrag der Stasi interpretiert, tritt die Planmäßigkeit der neuen Justiz gegenüber. Gütlein erkennt, "den Falschen" getroffen zu haben; eigentlich hätte "die ganze Brut" vernichtet werden müssen, "die erst solche Maden auskriechen läßt, damit sie sich uns ins Fleisch bohren". Es ist ein anarchisch-revolutionärer Gedanke ohne Konzept. Aber deutlicher konnte die Verschiebung des Widerspruchs zwischen Balla und Horrath einerseits zu Gütlein und dem Staatsanwalt Blinsen andererseits, "gelehriger Nachfolger" nationalsozialistischer Juristen, nicht sein. Aus Arbeit und Gesellschaftsentwurf wurde Eigentum und dessen juristische Sicherung. Zuerst aber wurden aus Demonstrationen wie der auf dem Alexanderplatz vom 4. November 1989 jene, auf denen "Hoffnung auf baldige Wiedervereinigung", der alten Besitzer mit ihrem früheren Besitz, gepredigt wurde.

Der Roman hatte eine Sprengkraft wie einst "Spur der Steine", wer kann sie nutzen"? Die einen genießen die erkämpften Bananen oder sind auf deren Schalen ausgerutscht, die anderen begeistern sich für Auto und Mallorca.

Zwölf Jahre sind vergangen: Die Eigentumsstreitigkeiten haben an Qualität und Quantität zugenommen. Die hohen Gerichte der EU beschäftigen sich inzwischen damit. Das Feindbild der Wessis werden mehr und mehr die Ossis, schon in Neutschs Roman stand "Die Ossis liegn uns auf d'r Taschen." Als ausgemachter Dialektiker und weitsichtiger Schriftsteller sah Neutsch 1994 Kommendes. So ist wegen der Ursachen für die ostdeutsche Misere gegenwärtig kaum ein Buch aktueller als der Roman "Totschlag". Es bescheinigt zudem den Menschen in der DDR Lebensleistung und gültige Biografie, beides wurde ihnen nach der Wende abgesprochen und bedeutungslos. Auch daraus entstand eine Ohnmacht wie die Gütleins.

Das Buch liegt nunmehr als preisgünstige Ausgabe für 12,90 Euro vor.

Rüdiger Bernhardt

 

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