Zwiesprache mit Katharina
Diskursreiches "Wintertagebuch" von Anneliese Probst

In einem Buch von höchst persönlicher Art, das den Titel "Mein Wintertagebuch" trägt, hat sich die Schriftstellerin Anneliese Probst eine historische Persönlichkeit als "unsichtbares Gegenüber" und "gedachten Nebenmir" gewählt: Katharina von Bora, die einstmals entlaufene Nonne und vielgeschmähte "eheliche Hausfrau" des Reformators Martin Luther. Die Übereinstimmungen zwischen den beiden Frauen sind auffällig. Beide kommen aus dem gleichen "Stande". Beide waren Pfarrersfrauen: Katharina dereinst im Schwarzen Kloster zu Wittenberg, Anneliese Probst mehrere Jahrhunderte später in Beesenstedt bei Halle. Aus diesem gemeinsamen Spannungsfeld erwuchsen die Impulse zum fiktiven Dialog: Verbindendes und Trennendes. Dafür hat die Schriftstellerin, die mit Heinrich Böll befreundet war, erneut die Form des Tagebuchs gewählt. Auf diese Weise holt sie nun die Luthersche "Frau Käthe" in das Pfarrhaus von Beesenstedt. Auch die Sorgen, die mit den Jahren wuchsen, sind allgegenwärtig: das Leid, das ihren Nächsten widerfährt; die schmerzlichen Abschiede; die Dfizite an Mitmenschlichkeit, aber auch der stille Mut, standzuhalten in einer Welt, in der die göttliche Verkündung kaum noch Gehör findet. All dies liefert vielfältige gemeinsame Bezugspunkte und schafft ein diskursreiches Beziehungsgefüge, das die Gestalt Katharinas auf signifikante Weise sichtbar werden läßt. Wie vermochte sie ihre Liebe zu leben? Wohe nahm sie die innere Kraft und die unglaubliche Energie, Mann und Kindern und allen Bewohnern des Schwarzen Klosters ein behütes Zuhause zu schaffen? Aus episodischen Überlieferungen, Briefzitaten und deren behutsamen Ausdeutungen ergibt sich ein konfliktreiches, emotional vergegenwärtigtes Lebensbild. In den Fragen an sie ist die Tagebuchschreiberin immer selbst mit enthalten. Wie lebt man mit der Angst? Wie schaffen wir es, dass uns ein Abschied von den Nächsten nicht mit in den Abgrund reißt? Alles Fragen, die ganz das Heutige betreffen und die das "Wintertagebuch" dieser von einem hohen Lebensalter gesegneten Schriftstellerin zu einer bewegenden Zwiesprache machen.

Rudolf Scholz

 

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