Medizin gegen Vorurteile zu Walter Kuhwald: "Die Idylle vom Landarzt"

Jedes Literaturlexikon gibt darüber Auskunft, wie viele Autoren dem Ärztestande entstammen. Auch der 1892 im ostpreußischen Königsberg geborene Walter Kuhwald, der in Querfurt als praktischer Arzt in eigener Praxis und als Leiter des Krankenhauses wirkte, zählt zu ihnen. Aus seinem Nachlaß stammt "Die Idylle vom Landarzt", ein in den 20er Jahren angesiedeltes novellistisches Prosastück. Da treffen sich im kleinen, vom kulturellen Fortschritt noch weitgehend abgeschnittenen Provinzstädtchen Dingsda zwei alte Freunde. Der eine hat als Rechtsanwalt in Berlin Karriere gemacht und ist nicht frei von großstädtischer Borniertheit. Der andere hat es lediglich zum praktischen Arzt in diesem "provinziellen Kaff" gebracht. Doch es ärgert ihn, von seinem einstigen Kommilitionen als "Kleinstadtphilister" brüskiert und sich vorwerfen zu lassen, dass sein Berufsalltag die reinste Idylle sei. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, fordert er ihn auf, für acht Tage sein Assistent zu sein: bei Sprechstunden und Hausbesuchen, beim Dienst zu jeder Tages-und Nachtzeit und bei jedem Wetter. Das Exempel zeitigt drastische Wirkung. Der hochmütige Freund wird von seinen Vorurteilen gründlich kuriert. Nach vier Tagen reist er mit den Anzeichen schwerer Nervenzerrüttung ab, um bei einer "zarten, tiefempfindenden Seele" Genesung und sein spätes Glück zu finden. Eine etwas simpel anmutende Story. Doch sie entbehrt auch feiner Ironie nicht. Und sie bietet den Rahmen für vielfältige Alltagsepisoden, die darüber Auskunft geben, wie hart und verantwortungsvoll die Arbeit eines Landarztes in Wirklichkeit ist und wie bedenkenlos er von seiner Patientenschar in Anspruch genommen wird. Beim Griff ins volle Menschenleben läßt der Autor die seltsamsten Patienten- Käuze und Alltagsgewohnheiten Revue passieren. Mit einschlägigen "Urfaust"-Zitaten weiß er seinem fabulierfreudigen Erzähltext bildungsbürgerliche Würze zu verleihen. Was auch im anspielungsreichen Untertitel, dass der "Geist der Medizin" leicht zu fassen sei, seinen Ausdruck findet. In Zeiten, da der Berufsstand des Haus- und Landarztes wieder an Bedeutung gewinnt, dürfte das aus authentischen Erfahrungen schöpfende, sympathische kleine Erzählwerk interessierte Leser auf unterhaltsame Weise ansprechen.

 

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