Listige Ostler, keinesfalls krumm
Von Gerhard Zwerenz

Der Dresdner Schriftsteller Rudolf Scholz erfindet in Konkurrenz zum Dresdner Stollen das fiktive Dorf Kummersbach, das im Umfeld von Elbe, Oder, Pleiße, Mulde, Dahme oder Spree liegen muß, aber mitsamt seinem vitalen Gesangsverein das Zeug hat, so berühmt wie der Dresdner Stollen zu werden. Vielleicht steht Scholz auch einfach in der Nachfolge von Erich Kästner. Die Kerle, die da singen, verkörpern das DDR-Volk, dem alles von oben vorgeschrieben und dirigiert wird, denkt der Westler arrogant. Der Ostler Rudolf Scholz aber liefert den verschmitzten Roman seiner Generation. Nach Krieg und Gefangenschaft leben die Herren Genossen und Kollegen listig, deftig, bunt und keineswegs krumm und unaufrichtig, und wenn die Welt ein Dorf ist, kann auch ein Dorf die Welt sein. Kummersbach könnte ebenso Dresden, Halle oder Greifswald heißen. Namen sind Schall und Rauch, und so beginnt der hinterfotzige Roman mit dem Satz: „Vorausschicken möchte ich, dass ich Jakob Hölzel heiße und bis zur Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand Lehrer im hiesigen Kummersbach war.“

Ein ganz normaler Einstand also, in diesen Jahren der veruneinigenden Vereinigung, die den Sängern, die über drei Jahrzehnte hinweg arglos frei heraus musiziert hatten, die Lieder in die Kehle zurückstößt. In der Lokalzeitung steht zu lesen, „dass der Kummersbacher Dorfchor viele Jahre hin als Stätte der Pflege des volkstümlichen Liedgesangs gegolten habe“. Doch nun wisse man, es war „Volkskunst im Dienste des Stalinismus.“ Der Stoß sitzt. Die Verdächtigung wirkt lawinenhaft. Fortan grassiert der Argwohn. Wer sang bei den Russen? Wer zwitscherte als IM? Wer trillerte so liebestoll, dass die Zuhörerinnen schwanger wurden? Wie kommt es, dass nach der Vereinigung „unser Gesangverein aus der Öffentlichkeit entschwand“, obwohl „unsere Sangeslust nicht erstorben“ war, meist aber nur noch „das Lied vom Schnitter Tod am Grabe“ eines Verblichenen ertönt?

Zu solchen Fragen können nur Mark-Twain-Typen fähig sein. Einer eben wie Rudolf Scholz, der schon in seinem Schlesien-Roman „Die Schwalben der Kindheit“ zeigte, wie fein er Kobolz schießen kann. Zwischen Ehm Welk und Strittmatter blüht ein weites Feld östlicher Literatur, auch wenn frostige Winde wehen.

Unser Dichter-Sänger wird übrigens heute glatte 60 Jahre alt. Es können aber auch 600 oder sechs Jahre sein. Die Literatur, die sich wohlgemut gegen alle Zwänge von gestern und heute durchzusetzen weiß, macht es möglich. Es wird am Ende doch nicht aus dem Freistaat Sachsen mit dem goldenen Biedenkopf in der Flagge gar noch ein florierender freier Staat für freischwebende Dichter und Sänger werden?

Rudolf Scholz
Mein lieber Herr Gesangsverein
256 Seiten, geb., 20,80 Euro





Peter Slama
Rezension des Romans „Die Schwalben der Kindheit“ von Rudolf Scholz

Bücher besitzen die kostbare Gabe, Brücken der Versöhnung zu schlagen und Botschaften auszusenden, die Vertrauen in ein friedliches Miteinander stiften. Ein solches Buch legte Mitte der neunziger Jahre der Dresdner Autor Rudolf Scholz mit seinem Schlesienroman „Die Schwalben der Kindheit“ vor, der im Dingsda-Verlag Querfurt nun auch als Taschenbuch vorliegt. Der Roman erinnert an jene Jahre, die von Flucht und Vertreibung geprägt waren und in denen das Land östlich von Oder und Neiße den Potsdamer Beschlüssen zufolge polnisch wurde.

Da kehrt nach Jahren ein Mann in die einstige Heimat zurück und erlebt noch einmal in bedrängenden Erinnerungsbildern, was dem Jungen von damals widerfuhr: die vom Donner der Front begleiteten Trecktage, die Heimkehr ins Dorf, wo vom einstigen Haus nur eine Ruine geblieben war, die gesetzlose Zeit bis zur Ankunft der ersten polnischen Umsiedler und das noch mehr als ein Jahr andauernde, von verworrenen Ereignissen begleitete Zusammenleben der Deutschen und Polen bis zum endgültigen Abschied von der Heimat im Dezember 1946.

Ein Schicksal von vielen, ein Schicksal, das den Abstand von Jahrzehnten brauchte, um es zu erzählen, ohne das erfahrene Leid zu beschönigen oder zu verschweigen, ohne Groll und Hass, zugleich voller Trauer und voll Vertrauen in die unversiegbare Kraft menschlicher Gemeinschaft. Neben Gefährdungen und Bitterkeiten leuchten im Roman immer wieder Lust und Abenteuer der Kindheit auf, verkörpert im allgegenwärtigen Schwalbenmotiv. Trotz des Bestürzenden und Unzumutbaren, das dem siebenjährigen Jungen und den Seinen widerfährt und das bis heute als offene Kindheitswunde fortdauert: Nie vergisst der Autor, wo das Unrecht seinen Anfang nahm und wie sehr die eigene Familie in das den anderen angetane Leid verstrickt war. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Figur des Juden Walter Tausk, des Verfasser des Breslauer Tagebuchs, eines Mannes, dessen Weg sich im Holocaust verliert. Als Traumgestalt in die Handlung verwoben, wird er am Ende des europäischen Völkerdramas mitten in die Flüchtlingsströme hineingestellt und zur Metapher dafür, warum auf die Deutschen zurückschlug, was in ihrem Namen geschah.

Scholz schrieb ein Buch voller Poesie und prallen Lebens, das an Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ und Erwin Strittmatters „Der Laden“ erinnert und doch sein eigenes Gesicht und einen eigenen authentischen Wert hat. Tief prägen sich die erzählten Menschenschicksale ein: das des Jungen, das der Mutter, das des herrischen Bauern Gläser, der zum Knecht auf dem eigenen Hof wird, und auch jenes des polnischen Kommandanten, dessen heimlich aufkeimende, unerfüllt bleibende Liebe zur Mutter im Roman einfühlsam dargestellt wird. Und immer bedrängend nah bleibt der Gedanke, dass die Menschen beider Völker im gleichen Maße Betroffene waren und sind, dass nicht Hass und Misstrauen, sondern gegenseitiges Verständnis und die Solidarität der so genannten kleinen Leute gefragt sind. In diesem Sinne ist auch die bohrende, jedwede Unfrieden stiftende Vertriebenen-Rhetorik entschieden ausschließende Frage am Ende des Romans gemeint: „Polen, wie leben wir künftig zusammen?“

Rudolf Scholz
Die Schwalben der Kindheit. Roman
Dingsda-Verlag, 255 S., 15,90 Euro



Der Dichter aus Dingsda von Rüdiger Bernhardt

Zu den vielen Unbekannten und Vergessenen, die die Literaturgeschichte kennt, zählt auch der Dichter Johannes Schlaf (1862-1941). Einschlägige Lexika halten die Auskunft bereit, daß er gemeinsam mit Arno Holz den deutschen Naturalismus begründete, dessen prominentester Vertreter Gerhart Hauptmann werden sollte. Kenner wissen überdies, dass Schlaf der Verfasser der "Dingsda-Geschichten" ist, mit denen er seiner Heimatstadt Querfurt ein Denkmal setzte. Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Bernhardt hat sich nunmehr auf Spurensuche begeben und einen biographischen Essay vorgelegt, der auch Schriften aus dem bis heute noch unvollständig erschlossenen Nachlaß einbezieht. Knapp teilt Bernhardt die wichtigsten Lebensdaten mit, so etwa, daß Schlaf, der zeitlebens in ärmlichen Verhältnissen lebte und schwer nervenleidend war, 1884 ein Studium in Halle begann, 1885 nach Berlin wechselte und dort Anschluß ans literarische Leben gewann. Um der großstädtischen Hektik zu entfliehen, übersiedelte er 1904 nach Weimar, wo er mehr als drei Jahrzehnte in zunehmender Zurückgezogenheit verbrachte. Informativ die Mitteilungen über seine freundschaftlichen Beziehungen zu Dichterkollegen, die ihm hohe Wertschätzung entgegen brachten: zu Peter Hille, Richard Dehmel und Erich Mühsam. Eigehend setzt sich Bernhardt mit dem dichterischen Werk auseinander, das abseits der literarischen und politischen Zeitströmungen entstand. Die 1889 gemeinsam mit Arno Holz verfaßte Skizzensammlung "Papa Hamlet" wird als das entscheidende des "konsequenten Naturalismus", den es in dieser Form nur in Deutschland gab, charakterisiert. Das 1893 entstandene Drama "Meister Oelze" rechnet Bernhardt zu den modernsten Stücken im Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende und würdigt es als Schlafs kühnste Leistung innerhalb der naturalistischen Phase. Auch der in der Nachfolge von Walt Whitman entstandenen Dichtung "Frühling" bescheinigt er hohen literarischen Rang. Zweifellos hat es mit Schlafs eigenen Lebensverhältnissen zu tun, das ihn vor allem Einsame fazinierten: Dichter wie Lenz, Büchner und Grabbe. Kritisch setzt sich Bernhardt mit dem von Fachleuten als Autodidakt belächelten Pilosophen und Astronomen Schlaf und dessen spekulativem Weltbild auseinander. Doch so fragwürdig dem heutigen Leser das Schlafsche Gedankengebäude erscheinen muß: Dessen akribisch-kritische Darstellung verweist auf Reste eines Gleichheitsgedankens, der auch Bestandteil der sozialen Programmatik der Naturalisten war und die Frage beantworten hilft, warum Schlaf immer mehr zu einer einzelgängerischen, tragische Züge tragenden Gestalt der deutschen Literaturgeschichte des 20. Jahrhnderts wurde. Indem der Autor auch all das Fragwüdige benennt, ermöglicht er es dem Leser, sich der Innenwelt eines unangepaßten, originären Geistes anzunähern, der nur von seinen dichterischen Intentionen her fassbar und deutbar ist.

Rudolf Scholz

Der Dichter aus Dingsda
von Rüdiger Bernhardt
40 Seiten, 4,- €

 

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