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Aus: Neues Deutschland vom 15./16. September 2001, Seite 24, FORUM Gerhard Zwerenz über die ironischen Konsequenzen und Inkonsequenzen im neuen Buch von Sahra Wagenknecht Ein bißchen revolutionär darf Pluralismus schon sein Mit acht Mythen wird abgerechnet. Es sind der Reihe nach Demokratie, Markt, Kapital, US-Wirtschaft, New Economy, kapitalgedeckte Rente, Eigeninitiative, Frieden und Menschenrechte. Die Generalabrechnung mit dem als Demokratie verkleideten Globalkapitalismus wird im dreizehnseitigen Vorwort schon vorab deutlich genug. Sahra Wagenknecht paßt die ganze Moderne nicht, von der die Marxisten als »Traditionalisten« abgestempelt werden, was die Autorin veranlaßt, die »Modernisierer« als Mythologen zu entlarven. Das Vorwort ist rasant, wo nicht brillant formuliert. Zwischen Blair, Bush, Schröder, Haider, Jospin und Berlusconi finden sich keine Unterschiede, sondern »harmonischer Gleichklang«. Das unvergessene, wenn auch taktisch vergessen gemachte Schröder-Blair-Papier vom Sommer 1999 wird in fünf exzellenten Punkten gründlich zerfetzt und als »neue angebotsorientierte Agenda für die Linke« in einem Atemzug verobjektiviert und ironisiert. Nachdem die neoliberale Politik in Europa von den »linken Modernisierern« abgelöst worden ist, verbrauchen sich die Sozialdemokraten ebenso wie ihre konservativen Vorgänger, was die Haider und Berlusconi als Nachfolger der Nachfolger an die Macht bringt. »Es war natürlich kein Zufall, daß die Führungsetagen deutscher Konzerne den Übergang von Hindenburg zu Hitler ebenso unbeschadet überstanden wie den von Hitler zu Adenauer«, heißt es unter der Überschrift »Mythos Demokratie«. Die anschließende Abrechnung ist hart, aber im Detail beweisbar. Die einzelnen Kapitel, oder sollen wir sagen, die Objektiv-Polemiken zeichnen sich durch gleiche Mischungen aus, bei denen das Material die Ironien und Verdikte logisch abdeckt: »Worthaltend belog Außenminister Fischer amerikanische Gerichte auf Bitten von Degussa, Deutscher Bank und Allianz über deren Komplizenschaft mit dem Nazi-Reich.« Henry Kissinger an den Putschisten Pinochet: »Wir empfinden Sympathie für das, was Sie tun.« Im Wirtschaftsbereich nutzt Wagenknecht oft und gern die FAZ, besonders deren Wirtschafts- und Finanzbeilage, und das benötigt meistens keine Distanz, weil es brutalistisch genug ist, was da zu lesen steht. Verblüfft stelle ich fest, FAZ-Zitate, die ich mir notierte, fanden genauso Wagenknechts Interesse. Und wenn die Autorin manchmal in der Entmythologisierung gar zu dozierend auftritt, darf man gewiß sein, bald folgen wieder bittersüße Sarkasmen, bzw. einige makabre Sätze aus FAZ oder Sozialdemokraten-Mäulchen. Antikapitalismus und Antiglobalismus bei Wagenknecht sind radikaler und faktenreicher als die berühmte Polemik »Der Terror der Ökonomie« von Viviane Forrester, insofern sind die »Mythen der Modernisierer« marxistischer als der Rundumschlag der Französin. Andererseits vermeidet Wagenknecht die exakte Marx’sche Terminologie der »Entfremdung« und »Fetischisierung«, indem sie das Scheinhafte der Moderne als Mythologie plausibel werden läßt. Liberaler auch ihre Äußerungen im ND vom 14.6.01, wo sie ihre Stimme bei den Berliner Wahlen dem Intimfeind Gysi zu geben verspricht und die Klein- und Mittelunternehmen gegen große Konzerne in Schutz nimmt. Ihr Buch endet seltsamerweise mit einer futuristischen Story , die in »gekürzter Fassung« im »September 2000« von der ZEIT abgedruckt wurde. Überschrift: »Jenseits der Mythen. Ein Traum.« Na, da träumt mal schön. Vorher aber gibt es 5 Seiten Antikrieg, in denen alles gegen die globale Welt-Kriegs-Politik gesagt ist. Auch hier wird wieder »ein ehrlicher Leitartikel-Schreiber der FAZ« zitiert, der die Katze aus dem Sack läßt, bzw. die Panzer aus der Kaserne. Die Antikriegsseiten resultieren aus den vorangegangenen Kapiteln Kapitalanalyse wie der Teufel aus der Kirche. Letzte Sätze: »So geschäftlich und bieder sehen die Gründe aus, für die auf dieser Welt Bomben geworfen und Tausende Menschenleben ausgelöscht werden. Es geht um Macht, Einfluß und Milliardenprofite. Für derart hehre Ziele faltet Fischer gern tiefe Betroffenheit in sein zerfurchtes Gesicht, sieht ein ‚neues Auschwitz‘ drohen und die ‚westliche Wertegemeinschaft‘ in der moralischen Pflicht, von Scharping herbeigelogene Nachtgestalten mit Bombengewalt von der ansonsten so menschenfreundlichen Oberfläche des Planeten zu tilgen.« Der vormalige PDS-Vorsitzende Lothar Bisky, ein Wanderer zwischen Freundlichkeit und Melancholie, dem zur Politik die nötigen Charaktermängel fehlen, weshalb er zu DDR-Zeiten ins künstlerische Lehramt auswich, bemängelte kürzlich die »miserable Streitkultur« seiner Partei. Mag sein, das ist auf die langgezogene Programmdebatte gezielt, die erst endete, könnte jedes Mitglied sein eigenes Parteiprogramm formulieren. Dabei benötigte die PDS gar kein Programm, lebt sie doch von ihrer Wählerschaft, die ihr überlebenslang treu bleibt, wofür die Siegertypen schon sorgen, die es fertigbringen, hinreichend viele Ostdeutsche selbst dann noch zu beleidigen, wenn sie die Leute für sich gewinnen möchten. Ein Steffel-Helfer wie Schabowski, der schon als führender SED-Pochulke die Parteifeinde zu summieren verstand, dürfte der PDS eine weitere Viertelmillion Wählerstimmen einbringen. Gabi Zimmer wäre gut beraten, der CDU noch ein Dutzend DDR-Schattenboxer rüberzureichen, für deren schwere Defekte die PDS keinen Platz hat. Womit wir zur Frage der Geheimdienste vordringen, deren einer, Verfassungsschutz genannt, in Berlin momentan von SPD-Innensenator Körting geleitet wird, der im ND vom 20. August 2001 ironische Anmerkungen zu unserer Autorin riskierte: »Wenn ich die perfekt gestylte Sahra Wagenknecht sehe, die nun das Wort von dem armen Proletarier auf den Lippen führt, für den sie sich einsetzt, dann ist das Salonkommunismus.« Dieses Bonmot lassen wir uns auf der Zunge zergehen. Freund Erhard Eppler ist im SPIEGEL 29/01 Gabi Zimmer zu wenig, Genosse Körting ist Sahra zu perfekt gestylt. Jeder nach seinem Geschmack. Ob Wagenknecht allerdings verfassungsschützerisch zu beobachten sei, ist dem Genossen Senator unklar, doch: » Ich habe vorerst entschieden, daß ich das, was die Behörde macht, weiterlaufen lasse.« Immerhin profiliert Gysi sich gegen die Kommunistische Plattform, deren Sprecherin aber empfiehlt sich als Kontrollinstanz der Erneuerer. Will die PDS nicht, daß die Sozialdemokraten alles wie bisher weiterlaufen lassen, muß sie die sozialistische Alternative werden, die sie sein möchte, aber noch nicht ist. Da die SPD ihren eigenen linken Flügel in masochistischem Übereifer abhackte, stellt die PDS den amputierten Teil folgerichtig außerhalb der SPD wieder her, doch als Angebot zur Zusammenarbeit. Soll die gute alte Tante doch die behäbige Partei der Mitte sein, die PDS ist dann die gute neue Linke. Wofür Wagenknechts brandneues Buch Klarheiten schafft, von dem der Berliner Innensenator Kenntnis nehmen sollte, bevor er die Beobachtung weiterlaufen läßt als wär’ er Kaiser Wilhelm Zwo, respektive Brandenburgs General a.D. Schönbohm - auf dem rechten Auge blind, linkerhand permanent den Angriff von 300 sowjetischen Panzerdivisionen erwartend, ein uniformierter Kalauer. Vielleicht sollte der SPD-Innensenator zusammen mit seinem Brandenburger CDU-Kollegen der »perfekt gestylten« Sahra neues Buch lesen, um den Schimmer einer Ahnung zu gewinnen, daß sein Wissen mangelhaft ist und sein Geheimdienst Gefahr läuft, zur Gedankenpolizei zu verkommen. Wer anderen Lehren erteilen will und Entschuldigungsarien verlangt, sollte mal vor der eigenen Tür kehrend zur Kenntnis nehmen, daß selbst der statuarisch-bürgerliche Thomas Mann von Ebert und Noske nichts hielt, und bei Sebastian Haffner steht zu lesen: »Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.« Im übrigen hatte die Weimarer Republik nach 14 Jahren mehr Blut vergossen als die DDR in 4 Jahrzehnten. Allein in Offenbach, wo 1919 die Mehrheitssozialisten regierten, wurden an einem Karfreitag anderthalb Dutzend Antikriegsdemonstranten erschossen. Neben der Wählerschaft, die der PDS von den psychopathischen Siegern im innerdeutschen Zweikampf zugetrieben wird, entsteht der Partei in Wagenknecht und anderen inneren Opponenten ein pluralisierender Vorteil. Würde ich Gregor und Sahra nicht näher kennen, neigte ich zu der Annahme, ihr Duell sei taktisch abgesprochen. Immerhin profiliert Gysi sich gegen die Kommunistische Plattform, deren Sprecherin aber empfiehlt sich als Kontrollinstanz der Erneuerer. Kultiviert die solide Führungsgruppe mit Gysi, Bartsch, Claus, Zimmer, Pau, Holter die Erneuerung, zu der es keine reale Alternative des Ankommens im Parlamentarismus gibt, fungieren Modrow, Dehm und Wagenknecht als Pluralisten - Modrow integriert die Zögerlichen, Dehm die westlichen Linken, Wagenknecht die Kommunisten, was immer das noch sein mag. Tatsächlich ist ihr neues Buch die späte Frucht eines Denkens von der Art der Frankfurter Kritischen Theorie. »Die Linksauslegerin« (stern) sagt: »Die heutige Gesellschaft ist nicht frei« und legt ihre Beweise dafür vor. Die Differenz zu den Erneuerern besteht in der Frage, wie die Gesellschaft zur ersehnten Freiheit gelangen könne, was zur antiquierten Unterscheidung zwischen Revolution und Reform führt. Genau diese Entscheidung verweigert Wagenknecht wie einst Adorno und Horkheimer. Das klang bei der Autorin vorher anders, man vergleiche das im selben Verlag 1999 publizierte Streitgespräch zwischen ihr und mir, in dem der Titel »Die grundsätzliche Differenz« tatsächlich bestätigt wurde. Inzwischen näherte die Polemikerin sich den Erneuerern an, artikuliert jedoch nicht nur die konservative Skepsis der Kommunistischen Plattform, sondern die Ängste vieler, denen tagtäglich vor Augen geführt wird, wie Sozialdemokraten und Grüne im Wandel von der Opposition zur Regierung vergessen, was sie vorher sagten. Indem Wagenknecht die Funktion vorauseilender Kritik wahrnimmt, entgeht sie sektiererischer Versuchung, bleibt aber Antworten darauf schuldig, worin sie sich inhaltlich von den Sozialisten unterscheide. Die Plattform als provokatorische Minderheit, gegen die allerlei bürgerlich-feuilletonistische Gold- und Blechfedern aufgeboten werden, darf legitimerweise daran erinnern, daß Kommunisten im deutschen Widerstand die größten Opfer brachten, wobei Stalin in der Kommunistenverfolgung nicht hinter Hitler zurückstand, was die KP oft vergißt. Die im Dritten Reich und in der SU knapp dem Tode entronnenen Genossen suchten sich mit der DDR wie die Juden in Israel ein verfolgungsfreies Heimatland zu errichten. Das Mißlingen hat viele Väter. Von heutigen Kommunisten ist zu erwarten, daß sie mit allem brechen, was zur Niederlage führte. Ist Wagenknechts Buch die legitime Kritik am Globalkapital, steht der radikale intellektuelle Bruch mit den Mythen jenes Kommunismus, der von Lenins Tod an die Sowjetunion verunstaltete, weiterhin aus. Das aber ist keine Frage der Entschuldigung, sondern der Entmystifizierung zum Zwecke realisierter Selbstbefreiung. Nun wissen wir, Wagenknecht neigt wenig zur kommunistischen Selbstreflektion, welcher Mangel mit ihrer Jugend begründet werden darf. Da trifft es sich gut, wenn die alten witzboldigen Kämpfer Karl-Eduard von Schnitzler und Gerhard Löwenthal wieder ins Rampenlicht treten. Beide Herren richten den Zeigefinger vorwurfsvoll auf den jeweils anderen. Feinde bedürfen einander. Der gläubige Christ und vormalige Bundespräsident Gustav Heinemann lehrte, daß jeder anklagend gereckte Finger von drei auf den Ankläger zurückverweisenden Fingern begleitet sei. Die politische Polemik darf diese Weisheit mißachten, jedoch nicht verachten. Daß Sahra Wagenknecht ihre Streitschrift gegen den Globalwahn des Kapitals mit dem Kunstgriff der Ironie ausstattete, läßt hoffen, die von Lothar Bisky vermißte Streitkultur könnte zumindest in der PDS noch Zukunft haben. Eine Partei aber, die sich zum parlamentarischen Pluralismus entschlossen hat, ist auch zur inneren Pluralität verpflichtet. Ein bißchen revolutionär darf dieser Pluralismus schon sein angesichts deutscher Zustände, wie sie Haffner charakterisierte: »Die Deutschen sind ... ein konservatives Volk. Revolution liegt ihnen nicht. Restauration um so mehr.« Die Frage der Pluralität, von Sahra Wagenknecht offen gelassen, wird gerade von dem berühmten Antiquitätenhändler und Revolutionsklassiker Peter Hacks in seinem brillanten Buch des Schabernacks mit dem Titel »Zur Romantik« beantwortet: »Das Trickwort Pluralismus hat einen genauen deutschen Sinn. Pluralismus, das bedeutet die Alleinherrschaft der schlechten Seite.« Anschließend wird die »Diktatur des Proletariats« aufgezäumt und Trotzki im Namen Stalins erneut ermordet, denn »der Inhalt des Antistalinismus« ist »trotzkistisch-menschewistisch«. Mir scheint, Hacks hat da ein Problem, und sollte es auch eins von Sahra und ihrer Plattform sein, wäre eine faire Freiheits- und Fortschritts-Diskussion angebracht. Während ich dies schreibe, fordert der stellvertretende FDP-Vorsitzende Brüderle die Liquidation des Artikels 15 Grundgesetz, der Vergesellschaftung erlaubt. Da bleibt es Aufgabe einer sozialistischen Antikriegspartei, die Verfassung gegen ihre Verfälscher zu verteidigen. Das haben SPD und KPD 1933 nicht begreifen wollen. In einer analog sich zuspitzenden Situation forderte Ernst Bloch 1956 auf der Berliner Fortschrittskonferenz die SED auf, Schach zu spielen statt Mühle. SED und SPD spielten statt dessen weiter Räuber und Gendarm. Heute liegen ähnliche Weichenstellungen an. Wer jetzt auf bürgerliche oder Stalinsche Restauration setzt, wird die kalten und heißen Kriege des 20. Jahrhunderts ins 21. verlängern.
Die Buchpremiere mit Sahra Wagenknecht, Moderation Gerhard Zwerenz, hat am Montag, den 17.09.2001, 20.00 Uhr, im Berliner Brecht-Haus stattgefunden.
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