Rezensionen zum Verlagsprogramm



Listige Ostler, keinesfalls krumm
Von Gerhard Zwerenz

Der Dresdner Schriftsteller Rudolf Scholz erfindet in Konkurrenz zum Dresdner Stollen das fiktive Dorf Kummersbach, das im Umfeld von Elbe, Oder, Pleiße, Mulde, Dahme oder Spree liegen muß, aber mitsamt seinem vitalen Gesangsverein das Zeug hat, so berühmt wie der Dresdner Stollen zu werden. Vielleicht steht Scholz auch einfach in der Nachfolge von Erich Kästner. Die Kerle, die da singen, verkörpern das DDR-Volk, dem alles von oben vorgeschrieben und dirigiert wird, denkt der Westler arrogant. Der Ostler Rudolf Scholz aber liefert den verschmitzten Roman seiner Generation. Nach Krieg und Gefangenschaft leben die Herren Genossen und Kollegen listig, deftig, bunt und keineswegs krumm und unaufrichtig, und wenn die Welt ein Dorf ist, kann auch ein Dorf die Welt sein. Kummersbach könnte ebenso Dresden, Halle oder Greifswald heißen. Namen sind Schall und Rauch, und so beginnt der hinterfotzige Roman mit dem Satz: „Vorausschicken möchte ich, dass ich Jakob Hölzel heiße und bis zur Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand Lehrer im hiesigen Kummersbach war.“

Ein ganz normaler Einstand also, in diesen Jahren der veruneinigenden Vereinigung, die den Sängern, die über drei Jahrzehnte hinweg arglos frei heraus musiziert hatten, die Lieder in die Kehle zurückstößt. In der Lokalzeitung steht zu lesen, „dass der Kummersbacher Dorfchor viele Jahre hin als Stätte der Pflege des volkstümlichen Liedgesangs gegolten habe“. Doch nun wisse man, es war „Volkskunst im Dienste des Stalinismus.“ Der Stoß sitzt. Die Verdächtigung wirkt lawinenhaft. Fortan grassiert der Argwohn. Wer sang bei den Russen? Wer zwitscherte als IM? Wer trillerte so liebestoll, dass die Zuhörerinnen schwanger wurden? Wie kommt es, dass nach der Vereinigung „unser Gesangverein aus der Öffentlichkeit entschwand“, obwohl „unsere Sangeslust nicht erstorben“ war, meist aber nur noch „das Lied vom Schnitter Tod am Grabe“ eines Verblichenen ertönt?

Zu solchen Fragen können nur Mark-Twain-Typen fähig sein. Einer eben wie Rudolf Scholz, der schon in seinem Schlesien-Roman „Die Schwalben der Kindheit“ zeigte, wie fein er Kobolz schießen kann. Zwischen Ehm Welk und Strittmatter blüht ein weites Feld östlicher Literatur, auch wenn frostige Winde wehen.

Unser Dichter-Sänger wird übrigens heute glatte 60 Jahre alt. Es können aber auch 600 oder sechs Jahre sein. Die Literatur, die sich wohlgemut gegen alle Zwänge von gestern und heute durchzusetzen weiß, macht es möglich. Es wird am Ende doch nicht aus dem Freistaat Sachsen mit dem goldenen Biedenkopf in der Flagge gar noch ein florierender freier Staat für freischwebende Dichter und Sänger werden?

Rudolf Scholz
Mein lieber Herr Gesangsverein
256 Seiten, geb., 20,80 Euro





Peter Slama
Rezension des Romans „Die Schwalben der Kindheit“ von Rudolf Scholz

Bücher besitzen die kostbare Gabe, Brücken der Versöhnung zu schlagen und Botschaften auszusenden, die Vertrauen in ein friedliches Miteinander stiften. Ein solches Buch legte Mitte der neunziger Jahre der Dresdner Autor Rudolf Scholz mit seinem Schlesienroman „Die Schwalben der Kindheit“ vor, der im Dingsda-Verlag Querfurt nun auch als Taschenbuch vorliegt. Der Roman erinnert an jene Jahre, die von Flucht und Vertreibung geprägt waren und in denen das Land östlich von Oder und Neiße den Potsdamer Beschlüssen zufolge polnisch wurde.

Da kehrt nach Jahren ein Mann in die einstige Heimat zurück und erlebt noch einmal in bedrängenden Erinnerungsbildern, was dem Jungen von damals widerfuhr: die vom Donner der Front begleiteten Trecktage, die Heimkehr ins Dorf, wo vom einstigen Haus nur eine Ruine geblieben war, die gesetzlose Zeit bis zur Ankunft der ersten polnischen Umsiedler und das noch mehr als ein Jahr andauernde, von verworrenen Ereignissen begleitete Zusammenleben der Deutschen und Polen bis zum endgültigen Abschied von der Heimat im Dezember 1946.

Ein Schicksal von vielen, ein Schicksal, das den Abstand von Jahrzehnten brauchte, um es zu erzählen, ohne das erfahrene Leid zu beschönigen oder zu verschweigen, ohne Groll und Hass, zugleich voller Trauer und voll Vertrauen in die unversiegbare Kraft menschlicher Gemeinschaft. Neben Gefährdungen und Bitterkeiten leuchten im Roman immer wieder Lust und Abenteuer der Kindheit auf, verkörpert im allgegenwärtigen Schwalbenmotiv. Trotz des Bestürzenden und Unzumutbaren, das dem siebenjährigen Jungen und den Seinen widerfährt und das bis heute als offene Kindheitswunde fortdauert: Nie vergisst der Autor, wo das Unrecht seinen Anfang nahm und wie sehr die eigene Familie in das den anderen angetane Leid verstrickt war. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Figur des Juden Walter Tausk, des Verfasser des Breslauer Tagebuchs, eines Mannes, dessen Weg sich im Holocaust verliert. Als Traumgestalt in die Handlung verwoben, wird er am Ende des europäischen Völkerdramas mitten in die Flüchtlingsströme hineingestellt und zur Metapher dafür, warum auf die Deutschen zurückschlug, was in ihrem Namen geschah.

Scholz schrieb ein Buch voller Poesie und prallen Lebens, das an Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ und Erwin Strittmatters „Der Laden“ erinnert und doch sein eigenes Gesicht und einen eigenen authentischen Wert hat. Tief prägen sich die erzählten Menschenschicksale ein: das des Jungen, das der Mutter, das des herrischen Bauern Gläser, der zum Knecht auf dem eigenen Hof wird, und auch jenes des polnischen Kommandanten, dessen heimlich aufkeimende, unerfüllt bleibende Liebe zur Mutter im Roman einfühlsam dargestellt wird. Und immer bedrängend nah bleibt der Gedanke, dass die Menschen beider Völker im gleichen Maße Betroffene waren und sind, dass nicht Hass und Misstrauen, sondern gegenseitiges Verständnis und die Solidarität der so genannten kleinen Leute gefragt sind. In diesem Sinne ist auch die bohrende, jedwede Unfrieden stiftende Vertriebenen-Rhetorik entschieden ausschließende Frage am Ende des Romans gemeint: „Polen, wie leben wir künftig zusammen?“

Rudolf Scholz
Die Schwalben der Kindheit. Roman
Dingsda-Verlag, 255 S., 15,90 Euro



Der Dichter aus Dingsda von Rüdiger Bernhardt

Zu den vielen Unbekannten und Vergessenen, die die Literaturgeschichte kennt, zählt auch der Dichter Johannes Schlaf (1862-1941). Einschlägige Lexika halten die Auskunft bereit, daß er gemeinsam mit Arno Holz den deutschen Naturalismus begründete, dessen prominentester Vertreter Gerhart Hauptmann werden sollte. Kenner wissen überdies, dass Schlaf der Verfasser der "Dingsda-Geschichten" ist, mit denen er seiner Heimatstadt Querfurt ein Denkmal setzte. Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Bernhardt hat sich nunmehr auf Spurensuche begeben und einen biographischen Essay vorgelegt, der auch Schriften aus dem bis heute noch unvollständig erschlossenen Nachlaß einbezieht. Knapp teilt Bernhardt die wichtigsten Lebensdaten mit, so etwa, daß Schlaf, der zeitlebens in ärmlichen Verhältnissen lebte und schwer nervenleidend war, 1884 ein Studium in Halle begann, 1885 nach Berlin wechselte und dort Anschluß ans literarische Leben gewann. Um der großstädtischen Hektik zu entfliehen, übersiedelte er 1904 nach Weimar, wo er mehr als drei Jahrzehnte in zunehmender Zurückgezogenheit verbrachte. Informativ die Mitteilungen über seine freundschaftlichen Beziehungen zu Dichterkollegen, die ihm hohe Wertschätzung entgegen brachten: zu Peter Hille, Richard Dehmel und Erich Mühsam. Eigehend setzt sich Bernhardt mit dem dichterischen Werk auseinander, das abseits der literarischen und politischen Zeitströmungen entstand. Die 1889 gemeinsam mit Arno Holz verfaßte Skizzensammlung "Papa Hamlet" wird als das entscheidende des "konsequenten Naturalismus", den es in dieser Form nur in Deutschland gab, charakterisiert. Das 1893 entstandene Drama "Meister Oelze" rechnet Bernhardt zu den modernsten Stücken im Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende und würdigt es als Schlafs kühnste Leistung innerhalb der naturalistischen Phase. Auch der in der Nachfolge von Walt Whitman entstandenen Dichtung "Frühling" bescheinigt er hohen literarischen Rang. Zweifellos hat es mit Schlafs eigenen Lebensverhältnissen zu tun, das ihn vor allem Einsame fazinierten: Dichter wie Lenz, Büchner und Grabbe. Kritisch setzt sich Bernhardt mit dem von Fachleuten als Autodidakt belächelten Pilosophen und Astronomen Schlaf und dessen spekulativem Weltbild auseinander. Doch so fragwürdig dem heutigen Leser das Schlafsche Gedankengebäude erscheinen muß: Dessen akribisch-kritische Darstellung verweist auf Reste eines Gleichheitsgedankens, der auch Bestandteil der sozialen Programmatik der Naturalisten war und die Frage beantworten hilft, warum Schlaf immer mehr zu einer einzelgängerischen, tragische Züge tragenden Gestalt der deutschen Literaturgeschichte des 20. Jahrhnderts wurde. Indem der Autor auch all das Fragwüdige benennt, ermöglicht er es dem Leser, sich der Innenwelt eines unangepaßten, originären Geistes anzunähern, der nur von seinen dichterischen Intentionen her fassbar und deutbar ist.

Rudolf Scholz

Der Dichter aus Dingsda
von Rüdiger Bernhardt
40 Seiten, 4,- €


Der Katzensommer von Anneliese Probst

Eigensinnig ist die Pfarrerswitwe aus Beesenstedt bei Halle. Sie versteht es, ihre Einsamkeit mit Hilfe ihrer Haus- und Hofkatzen zu vertreiben, denn sie tut mehr als für deren Wohl zu sorgen: Sie schreibt. Schreibt "Von Whisky, Wofka und anderen Lieblingen". Davon war schon in ihrem ersten Katzenbuch zu lesen. Inzwischen ist in "Katzensommer" hinzugekommen: Keine Fortsetzung der Lieblingsgeschichten; so leicht macht sich's die Katzenmutter von Beesenstedt nicht. Und so leicht machen's die Katzen ihr nicht. Hat sich doch, als sie, noch hüftlahm nach der Operation und auf den Rucksack angewiesen, zurückgekehrt ist, ein Wesen eingestellt, das nicht zur Familie gehört: Ein zerzaustes, erbarmungswürdiges Ding, "vielleicht eine Mülltonnenkatze, die nicht aufgegeben hat" und die sich nun hartnäckig weigert, den eroberten Platz wieder zu räumen. Welch ein Eigensinn! Von der Katze! Und sie gedeiht. Beschert der Katzenmutter ihre Nachkommenschaft, die bei liebevoller Pflege zu wiederum eigensinnigen, unverwechselbaren Charakteren heranwächst. Gespenstel - so wird die Zugewanderte genannt - bringt Leben ins Haus. Selbst Timo, der alte Kater, Gefährte der Stille, ist um seine Ruhe gebracht. Obwohl er sich hüten muß, dem Gespenstel zu nahe zu kommen. Auch die Katzenmutter muß vorsichtig bleiben. Aber bei solcher Geselligkeit läßt sich's Nachdenken über Zugreifen und Loslassen, Geborgenheit und Ausgesetztsein, Nähe und Abschiednehmen und über die Zeit, die man im Übermaß hat, wenn man alt wird, und die so rasch verronnen ist.

Seltsam: Während ich "Katzensommer" lese, muß ich immer wieder an das kleine Epos "Stunden im Garten" von Hermann Hesse denken. Vielleicht, weil Prolog und Epilog ebenfalls in rhythmischer Prosa verfaßt sind und eine melancholische Heiterkeit anklingen lassen, die mir von Hesse vertraut ist. Verwandte Gestimmtheit, der ich mich zugeselle: Ein Mensch in Zwiesprache mit den alltäglichen Dingen, mit der Natut, der auch die Katzen angehören - und wir. Ein Mensch, dem Ziel schon nahe, auf dem Wege zu sich selbst.

Peter Biele

Anneliese Probst, Katzensommer EUR 12,- und Von Whisky, Wodka und anderen Lieblingen EUR 7,90.

Außerdem sind bestellbar: "Mein Wintertagebuch" (ein fiktiver Dialog mit Katharina von Bora)für 12,90 Euro, "Steh-auf-Lieschen" (13 Geschichten, die das Leben nach der Wende 1990 geschrieben hat) für 12,90 Euro und "Das lange Gespräch" (der Versuch, im Gespräch mit ihrem Mann seinen Tod anzunehmen und zu ertragen) für 14,80 Euro.


Zwiesprache mit Katharina
Diskursreiches "Wintertagebuch" von Anneliese Probst

In einem Buch von höchst persönlicher Art, das den Titel "Mein Wintertagebuch" trägt, hat sich die Schriftstellerin Anneliese Probst eine historische Persönlichkeit als "unsichtbares Gegenüber" und "gedachten Nebenmir" gewählt: Katharina von Bora, die einstmals entlaufene Nonne und vielgeschmähte "eheliche Hausfrau" des Reformators Martin Luther. Die Übereinstimmungen zwischen den beiden Frauen sind auffällig. Beide kommen aus dem gleichen "Stande". Beide waren Pfarrersfrauen: Katharina dereinst im Schwarzen Kloster zu Wittenberg, Anneliese Probst mehrere Jahrhunderte später in Beesenstedt bei Halle. Aus diesem gemeinsamen Spannungsfeld erwuchsen die Impulse zum fiktiven Dialog: Verbindendes und Trennendes. Dafür hat die Schriftstellerin, die mit Heinrich Böll befreundet war, erneut die Form des Tagebuchs gewählt. Auf diese Weise holt sie nun die Luthersche "Frau Käthe" in das Pfarrhaus von Beesenstedt. Auch die Sorgen, die mit den Jahren wuchsen, sind allgegenwärtig: das Leid, das ihren Nächsten widerfährt; die schmerzlichen Abschiede; die Dfizite an Mitmenschlichkeit, aber auch der stille Mut, standzuhalten in einer Welt, in der die göttliche Verkündung kaum noch Gehör findet. All dies liefert vielfältige gemeinsame Bezugspunkte und schafft ein diskursreiches Beziehungsgefüge, das die Gestalt Katharinas auf signifikante Weise sichtbar werden läßt. Wie vermochte sie ihre Liebe zu leben? Wohe nahm sie die innere Kraft und die unglaubliche Energie, Mann und Kindern und allen Bewohnern des Schwarzen Klosters ein behütes Zuhause zu schaffen? Aus episodischen Überlieferungen, Briefzitaten und deren behutsamen Ausdeutungen ergibt sich ein konfliktreiches, emotional vergegenwärtigtes Lebensbild. In den Fragen an sie ist die Tagebuchschreiberin immer selbst mit enthalten. Wie lebt man mit der Angst? Wie schaffen wir es, dass uns ein Abschied von den Nächsten nicht mit in den Abgrund reißt? Alles Fragen, die ganz das Heutige betreffen und die das "Wintertagebuch" dieser von einem hohen Lebensalter gesegneten Schriftstellerin zu einer bewegenden Zwiesprache machen.

Rudolf Scholz

Presseinformation

Im MDR-Fernsehen wird am 24. September, ab 22.45 Uhr in der Reihe "Lebensläufe" der Film "Ein Unbeugsamer - Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz" (Regisseur Ernst-Michael Brandt) ausgestrahlt. Zeitgleich erscheint von Gerhard Zwerenz im Dingsda-Verlag eine broschierte Ausgabe seines Buches "Das Großelternkind" (160 S., 10 Euro.), ein poesievoller autobiografischer Kindheitsbericht. In zehn Kapiteln erzählt Zwerenz von frühen Kinderjahren, von den Menschen, die ihm das Nest bereiteten, von kindheitlichen Erfahrungen und sozialen Befindlichkeiten, die ihn prägten.

Die allmächtig diese Jahre überragende Figur: der Großvater väterlicherseits, eine böhmische Alexis-Sorbas-Gestalt, wuchtig, wütig, liebestoll und lendenstark, ein robuster Lebemann, der die Ziegelei, die er besaß, dreimal versoff und verluderte - Urbild unverwüstlicher Lebenskraft. Dann die Großmutter, die nie aufgab, Verkörperung warmherzig-mütterlicher Güte.

Und um diese beiden herum gruppiert die ganze Vielfalt kindheitlichen Lebens: Verwandte, Nachbarn, Geschichten von Graus und Gefahr, "riesenhafte Armutsbäume", Mädchenwunder, Glückserfahrungen, Verluste, Lichtpunkte des frühen Sich-selbst-Bewußtwerdens:"Ich brauche nicht viel. Eine Handvoll Erde, um zu atmen. Eine Handvoll Liebe um zu leben."


Aus: Neues Deutschland vom 15./16. September 2001, Seite 24, FORUM

Gerhard Zwerenz über die ironischen Konsequenzen und Inkonsequenzen im neuen Buch von Sahra Wagenknecht

Ein bißchen revolutionär darf Pluralismus schon sein

Mit acht Mythen wird abgerechnet. Es sind der Reihe nach Demokratie, Markt, Kapital, US-Wirtschaft, New Economy, kapitalgedeckte Rente, Eigeninitiative, Frieden und Menschenrechte. Die Generalabrechnung mit dem als Demokratie verkleideten Globalkapitalismus wird im dreizehnseitigen Vorwort schon vorab deutlich genug. Sahra Wagenknecht paßt die ganze Moderne nicht, von der die Marxisten als »Traditionalisten« abgestempelt werden, was die Autorin veranlaßt, die »Modernisierer« als Mythologen zu entlarven.

Das Vorwort ist rasant, wo nicht brillant formuliert. Zwischen Blair, Bush, Schröder, Haider, Jospin und Berlusconi finden sich keine Unterschiede, sondern »harmonischer Gleichklang«. Das unvergessene, wenn auch taktisch vergessen gemachte Schröder-Blair-Papier vom Sommer 1999 wird in fünf exzellenten Punkten gründlich zerfetzt und als »neue angebotsorientierte Agenda für die Linke« in einem Atemzug verobjektiviert und ironisiert. Nachdem die neoliberale Politik in Europa von den »linken Modernisierern« abgelöst worden ist, verbrauchen sich die Sozialdemokraten ebenso wie ihre konservativen Vorgänger, was die Haider und Berlusconi als Nachfolger der Nachfolger an die Macht bringt.

»Es war natürlich kein Zufall, daß die Führungsetagen deutscher Konzerne den Übergang von Hindenburg zu Hitler ebenso unbeschadet überstanden wie den von Hitler zu Adenauer«, heißt es unter der Überschrift »Mythos Demokratie«. Die anschließende Abrechnung ist hart, aber im Detail beweisbar. Die einzelnen Kapitel, oder sollen wir sagen, die Objektiv-Polemiken zeichnen sich durch gleiche Mischungen aus, bei denen das Material die Ironien und Verdikte logisch abdeckt: »Worthaltend belog Außenminister Fischer amerikanische Gerichte auf Bitten von Degussa, Deutscher Bank und Allianz über deren Komplizenschaft mit dem Nazi-Reich.« Henry Kissinger an den Putschisten Pinochet: »Wir empfinden Sympathie für das, was Sie tun.« Im Wirtschaftsbereich nutzt Wagenknecht oft und gern die FAZ, besonders deren Wirtschafts- und Finanzbeilage, und das benötigt meistens keine Distanz, weil es brutalistisch genug ist, was da zu lesen steht. Verblüfft stelle ich fest, FAZ-Zitate, die ich mir notierte, fanden genauso Wagenknechts Interesse. Und wenn die Autorin manchmal in der Entmythologisierung gar zu dozierend auftritt, darf man gewiß sein, bald folgen wieder bittersüße Sarkasmen, bzw. einige makabre Sätze aus FAZ oder Sozialdemokraten-Mäulchen.

Antikapitalismus und Antiglobalismus bei Wagenknecht sind radikaler und faktenreicher als die berühmte Polemik »Der Terror der Ökonomie« von Viviane Forrester, insofern sind die »Mythen der Modernisierer« marxistischer als der Rundumschlag der Französin. Andererseits vermeidet Wagenknecht die exakte Marx’sche Terminologie der »Entfremdung« und »Fetischisierung«, indem sie das Scheinhafte der Moderne als Mythologie plausibel werden läßt. Liberaler auch ihre Äußerungen im ND vom 14.6.01, wo sie ihre Stimme bei den Berliner Wahlen dem Intimfeind Gysi zu geben verspricht und die Klein- und Mittelunternehmen gegen große Konzerne in Schutz nimmt. Ihr Buch endet seltsamerweise mit einer futuristischen Story , die in »gekürzter Fassung« im »September 2000« von der ZEIT abgedruckt wurde. Überschrift: »Jenseits der Mythen. Ein Traum.« Na, da träumt mal schön.

Vorher aber gibt es 5 Seiten Antikrieg, in denen alles gegen die globale Welt-Kriegs-Politik gesagt ist. Auch hier wird wieder »ein ehrlicher Leitartikel-Schreiber der FAZ« zitiert, der die Katze aus dem Sack läßt, bzw. die Panzer aus der Kaserne. Die Antikriegsseiten resultieren aus den vorangegangenen Kapiteln Kapitalanalyse wie der Teufel aus der Kirche. Letzte Sätze: »So geschäftlich und bieder sehen die Gründe aus, für die auf dieser Welt Bomben geworfen und Tausende Menschenleben ausgelöscht werden. Es geht um Macht, Einfluß und Milliardenprofite. Für derart hehre Ziele faltet Fischer gern tiefe Betroffenheit in sein zerfurchtes Gesicht, sieht ein ‚neues Auschwitz‘ drohen und die ‚westliche Wertegemeinschaft‘ in der moralischen Pflicht, von Scharping herbeigelogene Nachtgestalten mit Bombengewalt von der ansonsten so menschenfreundlichen Oberfläche des Planeten zu tilgen.«

Der vormalige PDS-Vorsitzende Lothar Bisky, ein Wanderer zwischen Freundlichkeit und Melancholie, dem zur Politik die nötigen Charaktermängel fehlen, weshalb er zu DDR-Zeiten ins künstlerische Lehramt auswich, bemängelte kürzlich die »miserable Streitkultur« seiner Partei. Mag sein, das ist auf die langgezogene Programmdebatte gezielt, die erst endete, könnte jedes Mitglied sein eigenes Parteiprogramm formulieren. Dabei benötigte die PDS gar kein Programm, lebt sie doch von ihrer Wählerschaft, die ihr überlebenslang treu bleibt, wofür die Siegertypen schon sorgen, die es fertigbringen, hinreichend viele Ostdeutsche selbst dann noch zu beleidigen, wenn sie die Leute für sich gewinnen möchten. Ein Steffel-Helfer wie Schabowski, der schon als führender SED-Pochulke die Parteifeinde zu summieren verstand, dürfte der PDS eine weitere Viertelmillion Wählerstimmen einbringen. Gabi Zimmer wäre gut beraten, der CDU noch ein Dutzend DDR-Schattenboxer rüberzureichen, für deren schwere Defekte die PDS keinen Platz hat.

Womit wir zur Frage der Geheimdienste vordringen, deren einer, Verfassungsschutz genannt, in Berlin momentan von SPD-Innensenator Körting geleitet wird, der im ND vom 20. August 2001 ironische Anmerkungen zu unserer Autorin riskierte: »Wenn ich die perfekt gestylte Sahra Wagenknecht sehe, die nun das Wort von dem armen Proletarier auf den Lippen führt, für den sie sich einsetzt, dann ist das Salonkommunismus.« Dieses Bonmot lassen wir uns auf der Zunge zergehen. Freund Erhard Eppler ist im SPIEGEL 29/01 Gabi Zimmer zu wenig, Genosse Körting ist Sahra zu perfekt gestylt. Jeder nach seinem Geschmack. Ob Wagenknecht allerdings verfassungsschützerisch zu beobachten sei, ist dem Genossen Senator unklar, doch: » Ich habe vorerst entschieden, daß ich das, was die Behörde macht, weiterlaufen lasse.«

Immerhin profiliert Gysi sich gegen die Kommunistische Plattform, deren Sprecherin aber empfiehlt sich als Kontrollinstanz der Erneuerer.

Will die PDS nicht, daß die Sozialdemokraten alles wie bisher weiterlaufen lassen, muß sie die sozialistische Alternative werden, die sie sein möchte, aber noch nicht ist. Da die SPD ihren eigenen linken Flügel in masochistischem Übereifer abhackte, stellt die PDS den amputierten Teil folgerichtig außerhalb der SPD wieder her, doch als Angebot zur Zusammenarbeit. Soll die gute alte Tante doch die behäbige Partei der Mitte sein, die PDS ist dann die gute neue Linke. Wofür Wagenknechts brandneues Buch Klarheiten schafft, von dem der Berliner Innensenator Kenntnis nehmen sollte, bevor er die Beobachtung weiterlaufen läßt als wär’ er Kaiser Wilhelm Zwo, respektive Brandenburgs General a.D. Schönbohm - auf dem rechten Auge blind, linkerhand permanent den Angriff von 300 sowjetischen Panzerdivisionen erwartend, ein uniformierter Kalauer. Vielleicht sollte der SPD-Innensenator zusammen mit seinem Brandenburger CDU-Kollegen der »perfekt gestylten« Sahra neues Buch lesen, um den Schimmer einer Ahnung zu gewinnen, daß sein Wissen mangelhaft ist und sein Geheimdienst Gefahr läuft, zur Gedankenpolizei zu verkommen. Wer anderen Lehren erteilen will und Entschuldigungsarien verlangt, sollte mal vor der eigenen Tür kehrend zur Kenntnis nehmen, daß selbst der statuarisch-bürgerliche Thomas Mann von Ebert und Noske nichts hielt, und bei Sebastian Haffner steht zu lesen: »Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.«

Im übrigen hatte die Weimarer Republik nach 14 Jahren mehr Blut vergossen als die DDR in 4 Jahrzehnten. Allein in Offenbach, wo 1919 die Mehrheitssozialisten regierten, wurden an einem Karfreitag anderthalb Dutzend Antikriegsdemonstranten erschossen. Neben der Wählerschaft, die der PDS von den psychopathischen Siegern im innerdeutschen Zweikampf zugetrieben wird, entsteht der Partei in Wagenknecht und anderen inneren Opponenten ein pluralisierender Vorteil. Würde ich Gregor und Sahra nicht näher kennen, neigte ich zu der Annahme, ihr Duell sei taktisch abgesprochen. Immerhin profiliert Gysi sich gegen die Kommunistische Plattform, deren Sprecherin aber empfiehlt sich als Kontrollinstanz der Erneuerer. Kultiviert die solide Führungsgruppe mit Gysi, Bartsch, Claus, Zimmer, Pau, Holter die Erneuerung, zu der es keine reale Alternative des Ankommens im Parlamentarismus gibt, fungieren Modrow, Dehm und Wagenknecht als Pluralisten - Modrow integriert die Zögerlichen, Dehm die westlichen Linken, Wagenknecht die Kommunisten, was immer das noch sein mag.

Tatsächlich ist ihr neues Buch die späte Frucht eines Denkens von der Art der Frankfurter Kritischen Theorie. »Die Linksauslegerin« (stern) sagt: »Die heutige Gesellschaft ist nicht frei« und legt ihre Beweise dafür vor. Die Differenz zu den Erneuerern besteht in der Frage, wie die Gesellschaft zur ersehnten Freiheit gelangen könne, was zur antiquierten Unterscheidung zwischen Revolution und Reform führt. Genau diese Entscheidung verweigert Wagenknecht wie einst Adorno und Horkheimer.

Das klang bei der Autorin vorher anders, man vergleiche das im selben Verlag 1999 publizierte Streitgespräch zwischen ihr und mir, in dem der Titel »Die grundsätzliche Differenz« tatsächlich bestätigt wurde. Inzwischen näherte die Polemikerin sich den Erneuerern an, artikuliert jedoch nicht nur die konservative Skepsis der Kommunistischen Plattform, sondern die Ängste vieler, denen tagtäglich vor Augen geführt wird, wie Sozialdemokraten und Grüne im Wandel von der Opposition zur Regierung vergessen, was sie vorher sagten. Indem Wagenknecht die Funktion vorauseilender Kritik wahrnimmt, entgeht sie sektiererischer Versuchung, bleibt aber Antworten darauf schuldig, worin sie sich inhaltlich von den Sozialisten unterscheide. Die Plattform als provokatorische Minderheit, gegen die allerlei bürgerlich-feuilletonistische Gold- und Blechfedern aufgeboten werden, darf legitimerweise daran erinnern, daß Kommunisten im deutschen Widerstand die größten Opfer brachten, wobei Stalin in der Kommunistenverfolgung nicht hinter Hitler zurückstand, was die KP oft vergißt. Die im Dritten Reich und in der SU knapp dem Tode entronnenen Genossen suchten sich mit der DDR wie die Juden in Israel ein verfolgungsfreies Heimatland zu errichten. Das Mißlingen hat viele Väter.

Von heutigen Kommunisten ist zu erwarten, daß sie mit allem brechen, was zur Niederlage führte. Ist Wagenknechts Buch die legitime Kritik am Globalkapital, steht der radikale intellektuelle Bruch mit den Mythen jenes Kommunismus, der von Lenins Tod an die Sowjetunion verunstaltete, weiterhin aus. Das aber ist keine Frage der Entschuldigung, sondern der Entmystifizierung zum Zwecke realisierter Selbstbefreiung. Nun wissen wir, Wagenknecht neigt wenig zur kommunistischen Selbstreflektion, welcher Mangel mit ihrer Jugend begründet werden darf. Da trifft es sich gut, wenn die alten witzboldigen Kämpfer Karl-Eduard von Schnitzler und Gerhard Löwenthal wieder ins Rampenlicht treten. Beide Herren richten den Zeigefinger vorwurfsvoll auf den jeweils anderen. Feinde bedürfen einander. Der gläubige Christ und vormalige Bundespräsident Gustav Heinemann lehrte, daß jeder anklagend gereckte Finger von drei auf den Ankläger zurückverweisenden Fingern begleitet sei. Die politische Polemik darf diese Weisheit mißachten, jedoch nicht verachten.

Daß Sahra Wagenknecht ihre Streitschrift gegen den Globalwahn des Kapitals mit dem Kunstgriff der Ironie ausstattete, läßt hoffen, die von Lothar Bisky vermißte Streitkultur könnte zumindest in der PDS noch Zukunft haben. Eine Partei aber, die sich zum parlamentarischen Pluralismus entschlossen hat, ist auch zur inneren Pluralität verpflichtet. Ein bißchen revolutionär darf dieser Pluralismus schon sein angesichts deutscher Zustände, wie sie Haffner charakterisierte: »Die Deutschen sind ... ein konservatives Volk. Revolution liegt ihnen nicht. Restauration um so mehr.«

Die Frage der Pluralität, von Sahra Wagenknecht offen gelassen, wird gerade von dem berühmten Antiquitätenhändler und Revolutionsklassiker Peter Hacks in seinem brillanten Buch des Schabernacks mit dem Titel »Zur Romantik« beantwortet: »Das Trickwort Pluralismus hat einen genauen deutschen Sinn. Pluralismus, das bedeutet die Alleinherrschaft der schlechten Seite.« Anschließend wird die »Diktatur des Proletariats« aufgezäumt und Trotzki im Namen Stalins erneut ermordet, denn »der Inhalt des Antistalinismus« ist »trotzkistisch-menschewistisch«. Mir scheint, Hacks hat da ein Problem, und sollte es auch eins von Sahra und ihrer Plattform sein, wäre eine faire Freiheits- und Fortschritts-Diskussion angebracht.

Während ich dies schreibe, fordert der stellvertretende FDP-Vorsitzende Brüderle die Liquidation des Artikels 15 Grundgesetz, der Vergesellschaftung erlaubt. Da bleibt es Aufgabe einer sozialistischen Antikriegspartei, die Verfassung gegen ihre Verfälscher zu verteidigen. Das haben SPD und KPD 1933 nicht begreifen wollen. In einer analog sich zuspitzenden Situation forderte Ernst Bloch 1956 auf der Berliner Fortschrittskonferenz die SED auf, Schach zu spielen statt Mühle. SED und SPD spielten statt dessen weiter Räuber und Gendarm. Heute liegen ähnliche Weichenstellungen an. Wer jetzt auf bürgerliche oder Stalinsche Restauration setzt, wird die kalten und heißen Kriege des 20. Jahrhunderts ins 21. verlängern.

 

Die Buchpremiere mit Sahra Wagenknecht, Moderation Gerhard Zwerenz, hat am Montag, den 17.09.2001, 20.00 Uhr, im Berliner Brecht-Haus stattgefunden.


"Das Incognito ist mir von großer Wichtigkeit"
Louise von Francois und ihre vergessenen Geschichten

Sind Sie an alten Bräuchen und Sitten interessiert? Wie früher die 12 heiligen Nächte begangen wurden, und was man vor der Hochzeit beachten mußte, und welche Bedeutung Spinnen, Kröten und Elstern bei unseren Vorfahren hatten? Eine seltsame Mischung von Volkstum und Aberglauben hat die mitteldeutsche Dichterin Louise von Francois (1817-1893) in einer ihrer Geschichten aus dem 19. Jahrhundert zusammengetragen. Anläßlich ihres 110. Todestages am 23. September wollen wir an die begabte Erzählerin erinnern, deren Werk mit seinem "reichen Schatz an Weisheit, Liebenswürdigkeit, unerschöpflichem Humor (Marie von Ebner-Eschenbach) zu Unrecht vergessen ist. Sie stammt aus einer alten Hugenottenfamilie. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Vaters, der die preußische Garnison in Herzberg an der Elster befehligt hatte, wuchs sie in der Kaufmannsfamilie ihrer Mutter in Weißenfels auf. Als Kind lauschte sie ihrer Großmutter, die miterlebt hatte, als die Stadt Kaiser Napoleon 1807 einen triumphalen Empfang bereiten wollte und der mißmutige Eroberer sie keines Blicks würdigte, aber Jahre später als kläglich Gescheiteter in ihr Quartier machen mußte. Große Geschichte, in einer kleinen Geschichte von der Enkelin festgehalten. Aber zuerst mußte sie die kranke Mutter und den hinfälligen Stiefvater pflegen und den Haushalt mit den drei jüngeren Brüdern führen und erleben, wie das mütterliche Erbe verloren ging. Der elegante Graf Görtz, der das strahlende Geschöpf "meine Fürstin an Schönheit, Geist, Liebenswürdigkeit" genannt hatte, trennte sich daraufhin von seiner Verlobten. Die verarmte Familie geriet in Not und mußte ernährt werden. Und so begann Louise zu schreiben, erst Stimmungsbilder von Landschaften und Menschen ihrer Heimat, dann Novellen und Romane, von Gustav Freytag entdeckt und von K.F. Meyer geschätzt und im 19. Jahrhundert viel gelesen. Mit leichter Hand und klarem Blick, mitunter auch spitzer Feder, aber nie lieblos schildert sie den mitteldeutschen Menschenschlag, der ebenso wie die Landschaft zwischen Magdeburg und Weißenfels mehr dem Mittelmaß angehört. Dabei kommen die Hallenser mit ihrer rußigen Stadt und Ihrer weichlichen Sprache, trotz ihres "juten jrasjrünen Jurkensalats und juten Jänsebratens, die eine jute Jabe unseres juten Jottes sind", schlechter weg als die Leipziger mit ihrem "wohlhäbigen" Lebensstil, ihrer Freundlichkeit und Putzliebe. Was aber in dieser Gegend erhaben ist, seien es die Dichter und Denker, seien es die Dome und Burgen, wird detailreich gewürdigt. Der Radius ihrer Betrachtungen erstreckt sich nicht weiter als bis Potsdam und Eisenach, aber das Saaletal hat es ihr angetan, und wenn sie uns durch Weißenfels führt, "wo das Tal so anmutig wird", zu den Gräbern von Novalis und Müllner und hoch zum Schloß, oder in den Naumburger Dom und auf die Höhen mit ihren Burgen, dann spürt man ihren Herzschlag und läßt sich von ihrer Heimatliebe anstecken. Vielleicht muß man wirklich nicht in die Ferne schweifen, um das Gute zu entdecken.

Claus-Jürgen Wizisla


Neue Chursächsische Postcharte von 1753

Der von Daniel Pöppelmann erbaute Dresdner Zwinger und das Jagdschloß Moritzburg sind signifikante Zeugnisse für die großartigen baukünstlerischen Leistungen, die das Zeitalter des Barock in Sachsen hervorbrachte. Weniger bekannt jedoch ist, dass auch auf dem Gebiet der Landmessung und Kartographie in jener Kunstepoche Bedeutendes geleistet wurde. Die „Neue Chursächsische Postcharte“, die erstmals 1736 veröffentlicht, 1753 „aufs neue revidirt“ wurde und nunmehr in einem vom Dingsda-Verlag Querfurt angebotenen Reprint zugänglich ist, stellt ein eindrucksvolles Beispiel für den hohen Standard dar, den die Kunst der Kartographie im Augusteischen Zeitalter erreichte.

Eng mit dieser Kulturleistung verbunden ist der Name Adam Friedrich Zürner (1679 – 1742). Von 1705 bis 1722 hatte Zürner als Pfarrer in Skassa bei Großenhain gewirkt. Dadurch, dass er sich ab 1712 intensiv mit der Landvermessung zu beschäftigen begann, erregte er die Aufmerksamkeit August des Starken, der ihm den Titel eines Hofgeografen verlieh und den Auftrag erteilte, für ganz Kursachsen Landkarten zu verfertigen. Von 1721 bis zu seinem Tode stand Zürner als Land- und Grenzkommissar in den Diensten des Kurfürsten. Als solcher veranlasste er auch die Aufstellung der Postmeilensäulen, die noch heute, vielfach restauriert, auf den Marktplätzen zahlreicher sächsischer Städte zu finden sind. Zürners wegweisende kartographische Leistung fand ihren überzeugendsten Ausdruck in dem 1745/52 in Amsterdam gedruckten Schenckschen „Neuen Sächsischen Atlas“.

Die vorliegende Karte wurde nach dem Original (121 x 92 cm) gedruckt und besitzt eine Abmessung von 96 x 57,8 cm. „Auf allergnädigsten Befehl“ sind drinnen das „ChurFürstenthum Sachsen mitsamt seiner incoporirten Lande wie auch anderer angränzenden Vestungen, Städte, Flecken und notabelsten Schlösser, Güther und Dörffer“ eingetragen. Für Liebhaber historischer Landkarten und nachforschende Leser, die an der sächsischen Heimatgeschichte interessiert sind, dürfte es ein spannendes Erlebnis sein, der für die damalige Zeit mit erstaunlicher Präzision dokumentierten politischen Geografie und der Fülle der in einem ausführlichen Register verzeichneten Orte nachzuspüren. Aber auch diejenigen, die in einer historischen Karte die handwerkliche Meisterschaft und das Kunstwerk zu würdigen vermögen, werden voll auf ihre Kosten kommen. Symbolische Randzeichnungen aus dem Milieu des Postwesens und landestypische Details zieren die vierfarbige Wiedergabe.

Rudolf Scholz


Medizin gegen Vorurteile zu Walter Kuhwald: "Die Idylle vom Landarzt"

Jedes Literaturlexikon gibt darüber Auskunft, wie viele Autoren dem Ärztestande entstammen. Auch der 1892 im ostpreußischen Königsberg geborene Walter Kuhwald, der in Querfurt als praktischer Arzt in eigener Praxis und als Leiter des Krankenhauses wirkte, zählt zu ihnen. Aus seinem Nachlaß stammt "Die Idylle vom Landarzt", ein in den 20er Jahren angesiedeltes novellistisches Prosastück. Da treffen sich im kleinen, vom kulturellen Fortschritt noch weitgehend abgeschnittenen Provinzstädtchen Dingsda zwei alte Freunde. Der eine hat als Rechtsanwalt in Berlin Karriere gemacht und ist nicht frei von großstädtischer Borniertheit. Der andere hat es lediglich zum praktischen Arzt in diesem "provinziellen Kaff" gebracht. Doch es ärgert ihn, von seinem einstigen Kommilitionen als "Kleinstadtphilister" brüskiert und sich vorwerfen zu lassen, dass sein Berufsalltag die reinste Idylle sei. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, fordert er ihn auf, für acht Tage sein Assistent zu sein: bei Sprechstunden und Hausbesuchen, beim Dienst zu jeder Tages-und Nachtzeit und bei jedem Wetter. Das Exempel zeitigt drastische Wirkung. Der hochmütige Freund wird von seinen Vorurteilen gründlich kuriert. Nach vier Tagen reist er mit den Anzeichen schwerer Nervenzerrüttung ab, um bei einer "zarten, tiefempfindenden Seele" Genesung und sein spätes Glück zu finden. Eine etwas simpel anmutende Story. Doch sie entbehrt auch feiner Ironie nicht. Und sie bietet den Rahmen für vielfältige Alltagsepisoden, die darüber Auskunft geben, wie hart und verantwortungsvoll die Arbeit eines Landarztes in Wirklichkeit ist und wie bedenkenlos er von seiner Patientenschar in Anspruch genommen wird. Beim Griff ins volle Menschenleben läßt der Autor die seltsamsten Patienten- Käuze und Alltagsgewohnheiten Revue passieren. Mit einschlägigen "Urfaust"-Zitaten weiß er seinem fabulierfreudigen Erzähltext bildungsbürgerliche Würze zu verleihen. Was auch im anspielungsreichen Untertitel, dass der "Geist der Medizin" leicht zu fassen sei, seinen Ausdruck findet. In Zeiten, da der Berufsstand des Haus- und Landarztes wieder an Bedeutung gewinnt, dürfte das aus authentischen Erfahrungen schöpfende, sympathische kleine Erzählwerk interessierte Leser auf unterhaltsame Weise ansprechen.


Der tabulose Lebensbericht einer Frau
Eine Rezension von Rudolf Scholz

Sich erinnern zu können, gehört zu den kostbarsten Gaben des Menschen. Nicht jedem ist es freilich gegeben, gerecht und ehrlich Gerichtstag zu halten. Ein bemerkenswertes Beispiel legt die Autorin Lisl Urban (Jahrgang 1914) mit ihren Lebenserinnerungen vor. In den im Dingsda-Verlag erschienenen beiden ersten Bänden ihrer Trilogie erzählt sie von Kindheit und Jugend in der böhmischen Geburtsstadt Gablonz, von der dunklen Zeit zwischen 1933 und 1945, in der viele Sudetendeutsche zu fanatischen Mitläufern der Nazis wurden. Selten dürften Memoiren so sehr aus unmittelbarer Betroffenheit zu Papier gebracht worden sein, zutiefst Persönliches und vermutlich auch erstmals in dieser Rückhaltlosigkeit Offenbartes: Die von NS-gläubiger Übereinstimmung geprägte Ehe mit einem ranghohen SS-Offizier, die sie zeitweilig sogar als Stenotypistin in die Prager Gestapo-Zentrale führt, bis alles an der Unlebbarkeit dieser Beziehung zerbricht. Die Autorin liefert sich mit ihrem leidenschaftlichen Mut zur Wahrheit auch Angriffen aus. Aber gerade in diesen Passagen erreicht die Lebensgeschichte emotionale Höhepunkte: die Fluchtwege ihrer Liebe, die fraulichen Heimsuchungen. Sie beschreibt den von nationalistischen Rachegefühlen dominierten Alltag von über drei Millionen Sudetendeutschen, die Hassorgien der Tschechen, die Sorge um die geliebte kleine Tochter und schließlich die späte Aussiedlung in die Ostzone, wo sie als Neulehrerin einen beruflichen Neuanfang wagt. Verehrt von ihren Schülern, wird sie jahrzehntelang an der Erweiterten Oberschule Wickersdorf in Thüringen wirken - eine Frau mit einem großen mütterlichen Herzen. Erzählt wird eine Lebensgeschichte, die keine Tabus kennt und sowohl durch die Authentizität der Fakten als auch durch die gestalterische Intensität bewegt. Herausgeber und Lektor leisteten ganze Arbeit. Ein gewöhnliches Leben? Weit mehr: eine trotzig-widerständige Selbstbehauptung. Es fallen einem die Worte des Dichters Johannes Bobrowski ein: "Menschlich hab ich gelebt,/zu zählen vergessen die Tor,/die offenen. An die verschloßnen/hab ich gepocht." Wie wenig das Vergangene vergangen ist, machte ein Rechtsstreit vor dem Landgericht Leipzig deutlich. Ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Hauptmann der Polizei, der als Kommandeur mit seinem Bataillon zur Sicherung des Warschauer Gettos und später in Majdanek eingesetzt war, glaubte sich in einer der Personen des Buches wiederzuerkennen. Um die Spuren seiner Vergangenheit zu verwischen, unternahm er den Versuch, das Buch per Gerichtsbeschluß verbieten zu lassen. Ein unglaublich anmutender Vorgang. Am 17. Dezember 2007 wurde das Urteil gesprochen:"Die Klage wird abgewiesen. Der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens."

Lisl Urban, Ein ganz gewöhnliches Leben, Band 1, 160 S., 14,90€ Band 2, 175 S., 14,90€


Philosoph und Pyramidenbauer
Gerhard Zwerenz

Dieses irrational widerborstige, wo nicht widerständige Büchlein blättert sich nach der Lektüre wieder auf, was einen kleinen Defekt des Einbandes und zugleich seine Gebrauchsanweisung offenbart: Nicht zuschlagen und weglegen! ruft es, gefällt sich in ironischen Oppositionen und schießt plötzlich scharf: »Vor Gott sind alle gleich. Und vor dem Eigentum? Es ist mächtiger als Gott. Aber es ist abschaffbar. Und dann sind auch auf Erden alle gleich.« Wer so etwas schreibt, wird nie ein Günter Grass oder Joachim Fest und verbaut sich jede Erfolgs-Chance. Unser Autor wohnt in der Berliner Friedrichstraße, von wo aus er siegesbewusst wie der Alte Fritz mitteilt. »Branstners Dissertation … haben nacheinander 6 Professoren abgelehnt, 3 mit Änderungsvorschlägen. Branstners Antwort: Ich habe Zeit, ich kann warten, bis ihr euch ändert. Das hat 4 Jahre gedauert. Nochmal 20 Jahre, bis sie gedruckt und 40 Jahre, bis sie wieder gedruckt wurde. Immer unverändert.«

Das ist zeitlose Kontinuität, finde ich. Der Mann setzt sich überall ins Wespennest und sticht zurück. Animiert erkenne ich, das ist kein Wespennest, sondern ein Bienenstock, aus dessen Waben lässt sich Honig schleudern, wie wir Imker wissen. Der Autor regt mich an als hörte ich Ernst Busch singen. Obwohl »Marx, Engels, Lenin kaum einen oder überhaupt keinen Schimmer hatten« von der »Philosophie der Geschichte« und obwohl »weder Goethe noch Brecht einen Schimmer hatten« von der »Philosophie der Kunst«, richtet unser Mann »eine Pyramide aus drei Stufen« auf, in der am Ende Marx, Engels, Lenin, Goethe und Brecht ihr Unterkommen finden, wenn auch anders als die Volkshochschullehrer wollen.

Der Text steckt voller eigenwilliger Details: »Brecht ist nicht zu verstehen, wenn er nicht in seiner Aversion gegen Reinhardt verstanden wird.« - »Die Welttragödie macht die Tür von außen zu. Sie nimmt Abschied von der Welt des Ernstes. Von der poetischen Verelendung des Menschen.« Das zäht zur »5. Internationale der humoristischen Revolution«, wie ich sie der DDR vor 50 Jahren empfahl. Damals leider erfolglos. Das ist wieder hochmodern und wird am Schluß des Buches mit dem Text der Sonny Girls exemplifiziert, einer »Kollagenrevue mit Gesang und Tanz«, die als »Gegenstück« zum Welthit der Sonny boys angepriesen wird. Überhaupt stellt Branstner sich als Gegenautor vor, denn: »Ohne Gegenwelt ist der Mensch kein Mensch.«

Über sein Stück teilt der Verfasser mit, im neuen Theater Halle sei eine erste Fassung skeptisch als Flop erwartet worden, habe jedoch bei der Premiere 27 Vorhänge und sieben Jahre volles Haus gebracht.

Weshalb mir das rundum quergestrickte Schreibwerk so gefällt, hoffe ich noch herauszufinden. Am Autor imponiert mir, er leidet nicht am weitverbreiteten DDR-Niederlagen-Syndrom. Vielleicht, weil er vorher schon das Maul aufriß. Vielleicht weil es seine urthüringische Waldnatur ist und er nun in der urberliner Friedrichstraße residiert, die wir Auswärtigen unwillkürlich mit dem sagenumwobenen Bahnhof Friedrichstraße assoziieren. Von wo aus denn, wenn nicht von hier aus muß die verkommene Welt aus den alten Lumpen geschüttelt werden. Branstner: »In der DDR hatte ich wenigstens eine gute Mundpropaganda … Das hat die Wende weggeblasen. In meiner Bewertung kann man nicht untertreiben. Selbst wenn man sich mit Lob überschlägt, ist das eine Untertreibung.« Ich empfehle diese Selbsthochachtung allen Ostkreativen, die vom Mainstream fortgewedelt werden sollen. Laßt euch von den machthabenden Politkulturzwergen nicht zu ihresgleichen Gammelfleisch verwursten. Die Zeit der großen Utopien sei vorbei? Branstner: »Das Gegenteil ist richtig. Der Zusammenbruch ist die größte Herausforderung, die produktivste Erfahrung, die beste Bedingung für neue, weiterreichende Utopien … Die ganze Welt wird umgekrempelt.« Das klingt schwungvoll und sympathisch. Fragt sich nur, wer wen umkrempelt. Ausgenommen eine Handvoll Clowns, die toleriert werden, solange sie die Macht und ihr heiliges Eigentum nicht stören. Ausgeschlossen durch die führenden Medien treibt eine besiegte Klasse von Intellektuellen dahin und probiert ihre Überlebenskünste aus. Branstners Botschaft ist Flaschenpost. Er warf früher schon allerhand Botschaften in die Spree. Jetzt steht er am Ufer der Pleiße und will sich noch viermal als Flaschenpostillion betätigen. Der Mann hat die Nerven zum permanenten Witz des Underdogs.

Gerhard Branstner: Die Pyramide, Dingsda-Verlag, Leipzig 2006, 14,90 €, ISBN 3-928498-554-X


Offizier in Wehrmacht und NVA
Erinnerungen des Walter Lehweß-Litzmann, aufgeschrieben von seinem Sohn Jörn

Nach dem Sieg Hitler-Deutschlands über Polen 1939 erhielt die polnische Stadt Lodz von der Besatzungsregierung den deutschen Namen Litzmannstadt. Karl Litzmann (1850-1936) war preußisch- deutscher General im Ersten Weltkrieg gewesen und hatte in einer Schlacht nahe Lodz im November 1914 gegen russische Truppen ein militärisches Bravourstück vollbracht. Gegen Ende der Weimarer Republik war er zudem noch Reichstagsabgeordneter der NSDAP geworden. Der Autor vorliegender Erinnerungen war ein Enkel des sicher nicht nur nach DDR-Begriffen zutiefst reaktionären Generals. Walter Lehweß-Litzmann wurde noch in der Reichswehr der Weimarer Republik Kavallerieoffizier, schulte dann auf die Fliegerei um und machte in der Luftwaffe des "Dritten Reiches" Karriere. Er war nach 1933 am Aufbau der Luftwaffe beteiligt, erlebte und führte diese an mehreren Frontabschnitten im Zweiten Weltkrieg. 1943 gelangt er als Opfer einer spektakulären Partisanenaktion als ranghöchster Luftwaffen-Geschwaderkommodore in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Wie auch andere Offiziere mit "nationalem" Elternhaus wendet sich Lehweß-Litzmann in der sowjetischen Gefangenschaft von der Nazi-Führung ab und wird Mitglied des NKFD (Nationalkomitee Freies Deutschland). Zurückgekehrt nach (Ost-)Deutschland arbeitet er als Journalist und Mitarbeiter des Friedenskomitees der DDR, wird Ausbilder und Oberst der NVA. Nach seinem Ausscheiden und bis zu seiner Pensionierung 1969 ist Lehweß-Litzmann in leitenden Stellungen bei der DDR-Zivilluftfahrt tätig. 1986 verstirbt er. Das Buch "Absturz ins Leben" gilt als einziger ostdeutscher Beitrag zur Luftfahrtentwicklung 1933-1970 und erlaubt interessante Einblicke in das familiäre Milieu eines preußischen Generals bürgerlich-märkischer Herkunft und das Leben eines jungen Reichswehroffiziers. Es macht deutlich, dass es eines der größten Versagen der deutschen Sozialdemokratie bei der Schaffung der Weimarer Republik war, nicht den Geist der Demokratie in deren neue Streitkräfte getragen zu haben. Lehweß-Litzmann bietet darüber hinaus unübersehbar sachlich gehaltene Details zu den Biografien hoher Offiziere in Görings Luftwaffe, und er weist an Hand seines Absturzes hinter den sowjetischen Linien 1943 noch einmal auf die bedeutende Rolle von Sabotage und Partisanenkampf an der Ostfront hin. In höchst lebendiger Weise informiert er außerdem über die Anfänge der DDR-Luftwaffe und des DDR-Zivilflugwesens. Bemerkenswert auch, was er über seinen Vietnamflug 1965 zu berichten weiß. Wichtiger an dem Band erscheint mir aber etwas anderes. Der Text des Buches, nach den Erzählungen des Vaters vom Sohn noch zu DDR-Zeiten aufgeschrieben, macht noch einmal auf die komplizierten Biografien einer besonderen Gruppe von DDR-Aktivisten aufmerksam - die bis an ihr Lebensende "national" denkend und fühlend den weiten Weg aus einem preußischen Elternhaus über eine Offizierskarriere in der Wehrmacht und die sowjetische Gefangenschaft bis zu verantwortlichen Funktionen in einem "kommunistischen" deutschen Staat gegangen waren. In Zeiten, in denen jüngere Angehörige der ehemaligen Dienstklasse der DDR in ihren Erinnerungen begründen, warum sie sich mittlerweile völlig von der DDR abgewandt haben, wäre ein Vergleich eines Entfernens vom einstigen Milieu und von einstiger eigener Mentalität sicher eine reizvolle Aufgabe. Für diesen Vergleich bieten sich Lehweß-Litzmanns Erinnerungen durchaus an.

Dieter Winkler


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